Freunde, Teil fünf


10

Die Kolleginnen in der Bücherei rückten wieder mehr ins Zentrum ihrer Aufmerksamkeit. Immerhin sah sie sie dreimal in der Woche den ganzen Tag, auch wenn nicht viel Zeit für private Gespräche blieb. Warum sollten das keine Freundinnen werden?
Ein wenig störte sie, wie ihr Malen betrachtet wurde, nämlich als reine Freizeitbeschäftigung. Natürlich hatte sie noch nichts ausgestellt oder verkauft, und die Kolleginnen hatten die wenigen bisher gemalten Bilder nie gesehen. Aber sie wünschte sich, angenommen und gesehen zu werden als die, die sie war, und da gehörte die künstlerische Seite dazu.
Sie erzählte Sandra von dem neuen Bild, das sie begonnen hatte.
„Es ist schwer zu beschreiben. Am besten siehst du es dir an, wenn es fertig ist“, sagte sie.
Sandra hob den Kopf zu einem langsamen Nicken.
„Wenn es gelingt, hänge ich es ins Wohnzimmer“, sagte Laura.
„Wisst ihr schon, wo ihr im Sommer hinfahrt?“, fragte Sandra.
„Sardinien“, sagte Laura knapp.

Das Bild gelang, und das Malen machte Laura große Freude. Es war ein wenig größer als die, die sie bis jetzt aufgehängt hatte, und es passte genau an die freie Wand im Wohnzimmer. Sie beschloss, Tobias damit zu überraschen, wenn er von der Arbeit kam. Zunächst war es ein schwieriges Unterfangen, das Bild gerade aufzuhängen. Der linke Nagel musste ein wenig weiter nach unten, aber noch im Bereich des eben eingeschlagenen Lochs, das ging also nicht. Also musste das Bild ein wenig höher, als sie es vorgehabt hatte, um die Löcher zu überdecken. Endlich hing es.
„Ich zeige dir was“, sagte sie schon an der Tür zu Tobias, während er Schuhe und Jacke auszog, und führte ihn ins Wohnzimmer.
„Ah“, sagte er und betrachtete das Bild an seinem Platz. „Da bekommt unser Wohnzimmer ja Farbe.“
„Ich habe heute mit Markus über den Sommerurlaub geredet“, sagte er weiter. „Er und Stefanie würden gern mit uns mitfahren. Das wären nur die beiden, ohne Paul und Sofia.“
„Aber Stefanie hat sich das auch einreden lassen mit dem angeblichen Plagiat. Das heißt, sie vertraut mir nicht. Sie ist keine Freundin von mir.“
Tobias seufzte. „Kannst du diese Angelegenheit nicht einfach vom Tisch wischen? Es ist doch egal, was Stefanie denkt.“
„Wenn sie mitfährt, ist es nicht egal. Es ist auch nicht egal, wenn ich mit ihr an einem Tisch sitze.“
Laura griff nach seinem Arm und nahm seine Hand in ihre.
„Können wir nicht unsere Zweisamkeit auskosten?“
Er schaute ziemlich enttäuscht drein.
„Das müssen wir wohl“, murmelte er und ging in die Küche, wo er anfing, Lebensmittel aus dem Kühlschrank zu räumen. Den restlichen Abend redeten sie nicht mehr davon.
Laura aber wusste, dass sie all das Daniel erzählen würde, und das versetzte sie in eine zufriedene Stimmung.

Laura konnte Daniel davon überzeugen, dass er jede Freiheit hatte, eine gute Freundin allein zu treffen. An einem Wochenende fuhren sie beide nach Salzburg, um sich auf halbem Weg entgegenzukommen. Sie begrüßten sich herzlich mit einer Umarmung und Wangenküssen, spazierten auf die Festung wie Touristen und setzten sich dann in den Gastgarten eines Cafés. Der Tag verging viel zu schnell, was vor allem daran lag, dass sie einander viel zu sagen hatten. Auch ihre Partnerbeziehungen waren Gegenstand ihrer Gespräche, die sie in Anwesenheit von Nina und Tobias so nicht hätten führen können. Sie gingen auseinander mit der Versicherung, einen solchen Tag zu wiederholen.

„Ich fahre nach München, zum Botanischen Garten“, sagte Laura eines Tages. Sie hatte in einem Telefonat mit Daniel erfahren, dass er zu einem Seminar fuhr. Er erwähnte den Stadtteil, wo es stattfand. Sonst sagte er nichts dazu, und sie sagte nichts von ihrem Vorhaben, ebenfalls dorthin zu fahren.
Als sie vor besonders schönen Blumen den Skizzenblock auspackte und zu zeichnen begann, fühlte sie so etwas wie Vorfreude, als wäre das Skizzieren nur ein Überbrücken der Wartezeit bis zum Treffen mit Daniel. Sie fühlte sich verbunden durch das bloße Wissen, mit ihm in derselben Stadt zu sein. Um die Mittagszeit packte sie ihr Brot aus und setzte sich auf eine Bank im Schatten. Es war ein wunderschöner, fast wolkenloser Tag, ein Freitag, wodurch im Garten auch nicht so viele Leute waren.
Sie blieb noch eine Weile, schlenderte auf den Kieswegen an Blumen und Sträuchern vorbei und besuchte auch die Gewächshäuser, die eine Fülle an Pflanzen boten.
Um halb fünf Uhr nahm sie die U-Bahn zum Stadtteil von Daniels Seminar. Sie konzentrierte sich ganz auf ihn und ließ sich von ihrem Gefühl durch die Straßen leiten. Ein großes Auto hielt vor einem Zebrastreifen, den sie gerade überquerte. Sie stellte sich vor, dass Daniel darin saß mit Kollegen vom Seminar und sie nicht bemerkte. Oder er bemerkte sie und konnte nicht einfach um einen Halt bitten. Vielleicht war er jetzt verwundert über die Begegnung mit ihr.
Etwa eine Stunde lang wanderte Laura in dem Stadtteil umher, sah Autos und fremde Gesichter, ehe sie wieder zum Bahnhof musste. Sie war nicht enttäuscht. Sie war etwas sehnsüchtig gewesen, Daniel zu treffen, wobei die Sehnsucht überdeckt wurde von ihren Vorstellungen, was sie sagen würden. Sie tauchte ganz ein in ihre Fantasie, und die Zugfahrt verging wie im Flug.

11

Tobias bereitete eine Einladung vor, die letzte vor dem Sommer, wie er versprach. Laura wusste, sie würde anwesend sein, sofern sie nicht zwei bis drei Stunden in der Stadt verbringen wollte, in einem Café oder auf der Straße.
Daniel schickte ihr per E-Mail ein schönes Foto, das er auf einer Wanderung gemacht hatte, und Laura überfiel wieder einmal der Wunsch, mit ihm solche Unternehmungen zu machen. Hieß das, sie wollte weg von Tobias? Sie mochte ihn, wenn er so werkte in der Küche, in Kochbüchern stöberte oder selbst Gerichte kreierte. Nur seine Freunde waren nicht ihre, und das war ein Problem, für das sie keine Lösung wusste.
Sie telefonierte mit Daniel. Er sagte, Nina sei nicht erfreut darüber, dass sie beide vorhätten, sich öfter allein zu treffen. Er habe ihr versichert, dass da nichts über Freundschaft hinausgehe, und sich gleichzeitig gefragt, warum er denn beteuere, was man in einem selbstverständlichen Satz sagen konnte. Jedenfalls sei es im Moment schwierig.
Dann fragte sie nach dem „Bild seines Lebens“, und er sagte, es schreite voran, sei aber noch lange nicht fertig. Und etwas sei vielleicht überraschend für sie, aber das komme zum Schluss.
Dann waren die üblichen zwei Paare da, es wurde Wein getrunken, gegessen und geredet, es war langweilig, und Sofia schaute an Laura vorbei. Schließlich hatte Laura genug von all dem und ging ins Schlafzimmer. Aber statt zu malen, rief sie Daniel an, der nicht abhob. Es war ein Samstag, und vielleicht war er nicht zuhause.
Sie nahm einen Pinsel in die Hand, wählte eine Farbe aus und trug sie auf einem neuen Bild auf. Es würde abstrakter werden, aber die Formen von Papageienvögeln sollte man noch erkennen. Davon, Text auf das Bild zu schreiben, hatte sie erst einmal genug. Das Handy läutete, und Daniel meldete sich aus einer deutlich hörbaren Menschenmenge heraus. Er musste immer wieder nachfragen, um Laura zu verstehen. Dann ging er aus dem Lokal hinaus ins Freie, wo er ungestört telefonieren konnte.
„Ich bin in meinem Zimmer, und die anderen sind draußen“, sagte Laura. „Ich bleibe jetzt hier drinnen, bis sie gehen. Ich sage einfach, eine unerwartete Schaffenskraft hat mich überkommen.“
„Ah ja“, sagte Daniel, und es klang fast liebevoll.
Jetzt klopfte jemand an die Tür. Tobias öffnete und fand Laura an der Staffelei sitzend.
„Kommst du nicht zu uns?“, fragte er.
„Ich male lieber“, sagte Laura. „Es ist ohnehin schon nach zehn. Länger als eine Stunde werden sie wohl nicht mehr bleiben. Und ich gehe ihnen nicht ab.“
„Du gehst aber mir ab“, sagte Tobias.
„Dafür haben wir den Alltag. Und Sardinien.“

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