{"id":403,"date":"2016-04-07T18:52:58","date_gmt":"2016-04-07T16:52:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.julia-andorfer.at\/?p=403"},"modified":"2016-04-07T18:52:58","modified_gmt":"2016-04-07T16:52:58","slug":"zwei-erzaehlungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/?p=403","title":{"rendered":"Zwei Erz\u00e4hlungen"},"content":{"rendered":"<p align=\"LEFT\"><!--more-->Bilder<\/p>\n<p align=\"LEFT\">Vom Dorf kamen Leute die Stra\u00dfe herauf. Zwischen den H\u00e4usern war erst eine undeutliche Bewegung auszumachen, dann wurden drei Gestalten erkennbar, die sich auf der Landstra\u00dfe nach oben arbeiteten.<br \/>\nHanna beobachtete die Wanderer nur einen Moment lang, ehe sie aufstand, das Geschirr vom Tisch nahm, den Stuhl zurechtr\u00fcckte und von der Terrasse ins Haus ging, ohne den Blick noch einmal abw\u00e4rts zu richten, durch den langgezogenen Flur ging und in die K\u00fcche. Dort stellte sie das Geschirr ab, schob einen noch nicht geleerten Karton beiseite und blieb unentschlossen stehen, bis sie von drau\u00dfen die Stimmen der Wanderer h\u00f6ren konnte. Im Vorbeigehen sah einer von ihnen zum Fenster hin.<br \/>\nSp\u00e4ter durchquerte sie den schmalen Streifen des Vorgartens, um zum Auto zu gelangen, wandte sich beim Gartentor um und betrachtete die Gr\u00fcnfl\u00e4che. Die fr\u00fcheren Bewohner hatten das Gras an der Vorderseite des Hauses gem\u00e4ht, durch den hei\u00dfen Sommer war es an vielen Stellen aber trocken und braun geworden. Keinerlei Blumen waren gepflanzt worden, nur am Zaun wuchsen vereinzelt ein paar verwahrloste Stauden.<br \/>\nSie stellte sich vor, wie der Garten im Fr\u00fchling aussehen k\u00f6nnte: ein bunt leuchtendes Band um das Haus herum, wie eine sch\u00fctzende Aura, die nichts Negatives durchlassen w\u00fcrde.<br \/>\nZu ihren F\u00fc\u00dfen lag das Dorf ohne einen Laut. Sie startete das Auto, lie\u00df die H\u00e4user hinter sich und fuhr die wenigen Kilometer zum Einkaufszentrum der Stadt. Als sie dort \u00fcber den Parkplatz ging, bemerkte sie beil\u00e4ufig, dass jemand sie erkannte, an der Art des Blicks, der sich ver\u00e4nderte, sobald sie gesehen wurde. Allzu oft kam es nicht vor, dass fremde Leute wussten, wer sie war. Manche mochten ihren Namen kennen, das Gesicht dazu aber nicht.<br \/>\nZur\u00fcck im Haus, empfand sie es als leer. Sie dr\u00fcckte auf den Einschaltknopf des Fernsehers und wechselte von Kanal zu Kanal, von den Bildern einer Nachrichtensendung zum Konzert einer Jazzs\u00e4ngerin, und obwohl Hanna die Musik sonst gefiel, drosselte sie jetzt die Lautst\u00e4rke. Selbst Kl\u00e4nge, die sie mochte, waren manchmal zu viel, und selbst das Leise war manchmal zu laut. Sie schaltete das Ger\u00e4t wieder aus. Sie f\u00fchlte sich m\u00fcde, obwohl sie lange geschlafen hatte, und sie setzte sich hin und schloss die Augen. Vielleicht vertrug sie gegenw\u00e4rtig nur die Stille, so als h\u00e4tte sich ihr Inneres \u00fcber die Jahre zu viel aufgeladen, und nur Stille k\u00f6nnte Platz schaffen f\u00fcr Neues.<br \/>\nAn der T\u00fcr klingelte es, ein \u00fcberraschend feiner Ton, den Hanna zum ersten Mal h\u00f6rte. Die T\u00fcr hatte keinen Spion, aber durchs Fenster sah sie ein Auto, dessen Farbe und Form sie an jemanden denken lie\u00df. Sie \u00f6ffnete die T\u00fcr und sah in Leos Gesicht.<br \/>\nEr grinste.<br \/>\n\u201eDieser Bursche hier mag mich nicht.\u201c<br \/>\nEr neigte das Orangenb\u00e4umchen, das er in der Hand hielt, ein wenig hin und her. Zuletzt hatte sie es in seiner Wohnung gesehen, ein Geschenk zum Einstand.<br \/>\n\u201eNettes Haus!\u201c, sagte er. \u201eDie Galerie hat mir die Adresse gegeben, \u00fcbrigens.\u201c<br \/>\nEr h\u00f6rte auf zu grinsen.<br \/>\n\u201eErnsthaft, kannst du dich um den hier k\u00fcmmern? Er verliert schon Bl\u00e4tter. Ich ruiniere den garantiert.\u201c<br \/>\nHanna sah von ihm zu den Bl\u00e4ttern und der verschrumpelten Frucht, die an einem der \u00c4ste hing, und nahm den Topf entgegen wie ein Kleinkind, auf das gerade niemand aufpasste.<br \/>\n\u201eIch werde dich nicht hereinbitten\u201c, sagte sie. \u201eIch habe viel zu tun.\u201c<br \/>\nSie stellte das B\u00e4umchen in der K\u00fcche ab und setzte sich auf die Eckbank am Tisch. Es brauchte einen Platz zum \u00dcberwintern, in einem k\u00fchleren Raum und nicht zu dunkel. Sp\u00e4ter w\u00fcrde sie durchs Haus gehen und danach suchen. Armes B\u00e4umchen, dachte sie. Es ger\u00e4t an Leo, der es nicht wahrnimmt. Sie stand auf und ging ins gro\u00dfe Zimmer zur Staffelei. Die Leinwand war wei\u00df seit Tagen, und wieder sa\u00df sie davor ohne einen Impuls, eine Farbe zu w\u00e4hlen und sie an einer bestimmten Stelle, in einer bestimmten Form aufzubringen. Stattdessen erinnerte sie sich an Leo, an ihn in der alten Wohnung, an das Stiegenhaus, durch das sie immer nur \u00fcber sechs Stufen ins Hochparterre gegangen war, doch dieser kurze Weg hatte gereicht, um die ver\u00e4nderte Atmosph\u00e4re zu sp\u00fcren, seit Leo h\u00e4ufig zu Gast war.<br \/>\nNicht nur die Stimmung \u00e4nderte sich. Hanna wurde nur mehr selten angesprochen, seit Leo ein- und ausging. Es gab abf\u00e4llige Blicke und ein Verstummen von Gespr\u00e4chen, wenn sie dazukam. Irgendwann kam ein Tisch abhanden, den ein Bewohner im Parterre abgestellt hatte, damit jemand ihn dort abholen konnte. Ein Zettel wurde ausgeh\u00e4ngt, um den Verbleib aufzukl\u00e4ren, ohne Ergebnis. Als Hanna einmal aus der Wohnung trat, versuchten zwei der Nachbarinnen, die gerade dort standen, einen Blick hinein zu erhaschen. Sie drehten die K\u00f6pfe und reckten die H\u00e4lse, und die Verd\u00e4chtigung war wie aus der Luft greifbar. Als sie Hannas Gru\u00df erwiderten, lag im Tonfall etwas Schnippisches. Die Blicke wurden jetzt noch unfreundlicher. Sogar die junge Frau, die \u00fcber ihr wohnte und sich oft mit ihr unterhalten hatte, begegnete ihr distanziert.<br \/>\nDie Leute glauben, was ihnen gerade gelegen kommt, dachte Hanna, und es war nicht das erste Mal, dass sie das feststellte.<br \/>\nLeo bemerkte von all dem nichts. Leo war drei\u00dfig und Softwareentwickler in seiner eigenen Firma. Er hatte sie in einem Caf\u00e9 angesprochen, ohne ihre Arbeit zu kennen, so wie es seine Art war, Frauen anzusprechen, charmant und unterhaltsam und \u00fcberzeugt von seiner Anziehungskraft.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">Jetzt l\u00e4utete das Telefon. Hanna erhob sich von ihrem Platz und ging hinaus, fast mechanisch, als w\u00e4re das Telefon ein fremder Gegenstand, der nicht ihr geh\u00f6rte. Dann freute sie sich, Karos Stimme zu h\u00f6ren.<br \/>\nWie es ihr gehe, fragte die andere, und dann gratulierte sie nachtr\u00e4glich zum f\u00fcnfundvierzigsten Geburtstag. Sie werde noch das Glas auf sie erheben, sagte sie. Dann erz\u00e4hlte sie von Neuseeland und den Studenten und Vorlesungen und dass sie sich einen Hund zulegen wolle, falls sie ihn in die Arbeit mitnehmen k\u00f6nne.<br \/>\n\u201eIch bin umgezogen\u201c, sagte Hanna. Karo wirkte erstaunt. Ob ihr das nichts ausmache, so allein in einem Haus. Die Ruhe tue ihr gut, erwiderte Hanna. Sie \u00fcberlegte einen Moment, ob sie \u00fcber Leo noch reden wollte, hatte sie doch mit ihm abgeschlossen und das auch zu Karo gesagt. Dann erz\u00e4hlte sie doch, Leo habe gerade ohne Ank\u00fcndigung ein Orangenb\u00e4umchen vorbeigebracht, das bei ihm verrottet w\u00e4re. Sie erz\u00e4hlte es in einem Tonfall der Belustigung, so wie man \u00fcber jemanden am\u00fcsiert den Kopf sch\u00fcttelt, der einem nichts bedeutet.<br \/>\nDann sagte Karo, sie gehe jetzt schlafen, und vielleicht k\u00f6nnten sie das n\u00e4chste Mal \u00fcber das Internet telefonieren oder e-mailen.<br \/>\n\u201eEine gute Zeit\u201c, sagte Hanna, dann war Karo fort.<br \/>\nStatt sich wieder vor die Leinwand zu setzen, ging Hanna in die K\u00fcche, nahm das B\u00e4umchen vom K\u00fcchenboden und trug es erst in den Keller, dann auf den Dachboden. Ihr fiel wieder ein, wie Leo \u00fcber andere geredet hatte, als k\u00f6nnte er jeden Menschen sofort durchschauen. Er glaubte, alles zu wissen, nach einem Eindruck, einem Gespr\u00e4ch, und Hanna forschte in seinen Worten, ob nicht auch Unsicherheit herausklang, die er zu kaschieren versuchte, aber nein, er schien von seinen Ansichten \u00fcberzeugt zu sein.<br \/>\nDas kenne er schon, sagte er, als der neue Bekannte ein Treffen abgesagt hatte. Ein unzuverl\u00e4ssiger Mensch, mit dem man nichts verbindlich ausmachen k\u00f6nne. \u201eDa kenne ich mich schon aus\u201c, war der andere Satz, an den sie sich erinnerte. Er betraf die neue Kundin, die f\u00fcr Leo kleinlich und mit nichts zufrieden war, nachdem sie einen Vorschlag abgelehnt hatte.<br \/>\n\u201eDu wei\u00dft doch nicht, ob das immer so ist.\u201c<br \/>\nHanna dachte, sie konnte ihm etwas beibringen \u00fcber das Leben und \u00fcber die Menschen und dar\u00fcber, dass ein Kennenlernen l\u00e4nger dauerte als in seiner Vorstellung. Sie w\u00fcnschte sich, ihn einmal nachdenklich zu machen, ob seine Schlussfolgerungen richtig waren.<br \/>\nDennoch gab sie den Gedanken bald auf, sich ihm zu \u00f6ffnen und die Beziehung als etwas zu sehen, das tiefer gehen konnte. Wenn sie etwas erz\u00e4hlte, h\u00f6rte Leo oft gar nicht zu oder hatte sich seine Meinung ohnehin schon vorher gebildet. Sie fragte sich, was die Beziehung f\u00fcr ihn war, eine Erfahrung, eine Station auf der Reise, und sie fand sich mit dieser M\u00f6glichkeit ab. Sie sah ihn an, wie er bequem dasa\u00df auf ihrem Polstersessel, und auf einmal reichte das, was sie an ihm gemocht hatte, nicht mehr aus. Er machte ein entt\u00e4uschtes Gesicht und wirkte dabei wie ein Zehnj\u00e4hriger, der zum Geburtstag ein bestimmtes Geschenk nicht bekommen hat.<br \/>\nIn den Wochen danach traf sie die Entscheidung, diesen Lebensort zu verlassen. Die Atmosph\u00e4re im Haus, die kaum ver\u00e4ndert war, entzog Energie, und sie wollte weg vom geballten Zusammenleben in der Stadt, vielleicht weg von den Menschen selbst.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">Sie hatte auf dem Dachboden, wo durch eine Luke genug Licht hereinfiel, einen Platz f\u00fcr das B\u00e4umchen gefunden, und stellte den Topf auf dem staubigen Holzboden ab. W\u00e4hrend sie die Treppe hinunterging, begriff sie etwas. Leo w\u00fcrde anderen so nicht nahekommen. Er stellte sein vorschnell gemaltes Bild zwischen sich und die anderen und sah sie dadurch nicht mehr. Dabei hatte diese Haltung nichts mit seinem Alter zu tun. Hanna war j\u00fcngeren Menschen begegnet, die mehr Reife hatten. Dinge wie Reife oder Weisheit standen in keiner Beziehung zum Alter, nicht einmal zu Intelligenz oder Bildung.<br \/>\nUnten ging sie vorbei an halb geleerten Kartons, vorbei an der wei\u00dfen Leinwand und zum Sofa, das an der Fensterseite des Zimmers stand. Sie zog die Vorh\u00e4nge zu und legte sich hin. Nur eine Stunde wollte sie nichts sehen oder h\u00f6ren, dann galt es Kartons auszur\u00e4umen und Pl\u00e4tze f\u00fcr Dinge zu finden und ein Bild zu malen.<br \/>\nWieder l\u00e4utete die T\u00fcrglocke. Sie richtete sich auf und horchte nach drau\u00dfen, und die Glocke l\u00e4utete beharrlich ein zweites Mal.<br \/>\nDrau\u00dfen stand ein Mann in einer hellblauen Jacke, wie sie einer der Wanderer vom Vormittag getragen hatte. Er mochte in ihrem Alter sein. Vielleicht war es jener, der zu ihrem Fenster hingesehen hatte. Die Gesichter waren weit weg gewesen, und sie hatte sie nicht in Erinnerung behalten.<br \/>\n\u201eIch wollte Ihnen sagen, n\u00e4chste Woche wird der Kanal gereinigt\u201c, sagte der Mann.<br \/>\n\u201eEs wird noch angeschrieben. Aber ich komme gerade vorbei und wollte es Ihnen sagen.\u201c<br \/>\nEr hielt den Blick auf ihr Gesicht geheftet, w\u00e4hrend er redete, wie vorbereitet und f\u00fcr die ruhige Umgebung etwas zu laut.<br \/>\n\u201eSie k\u00f6nnen das Auto dort stehenlassen.\u201c<br \/>\nEr betrachtete sie unver\u00e4ndert mit gro\u00dfen Augen und schien nach weiteren Informationen zu suchen, die er mitteilen konnte.<br \/>\n\u201eFred\u201c, sagte er und streckte ihr die Hand hin.<br \/>\n\u201eHanna Meier.\u201c<br \/>\n\u201eSchon eingelebt?\u201c<br \/>\nSie l\u00e4chelte.<br \/>\n\u201eIch bin gerade eingezogen.\u201c<br \/>\n\u201eWenn du vorbeischauen magst, Hans feiert heute seinen Geburtstag. Im Zelt auf der Wiese.\u201c<br \/>\nEr machte eine Handbewegung in Richtung Dorf.<br \/>\n\u201eWenn ich Zeit habe\u201c, sagte Hanna und wusste, dass sie nicht hingehen w\u00fcrde.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">Am Abend sah sie vom offenen Fenster aus hinunter auf das Dorf. Das Zelt leuchtete hinter den H\u00e4usern hervor, und sie konnte verschwommen das Stimmengewirr der Leute h\u00f6ren. Als sie das Fenster schloss, war es augenblicklich wieder still.<br \/>\nSie dachte an Menschen, die sich die Zeit nahmen, andere kennenzulernen. Sie dachte an Menschen, die sich selbst kannten und die F\u00e4higkeit besa\u00dfen, andere zu erkennen, und wenn es immer nur kleine St\u00fccke sein konnten. Sie dachte an Menschen, die f\u00e4hig waren, Wahrheit von Unwahrheit zu unterscheiden, oder, wenn das nicht m\u00f6glich war, Wissen von Nichtwissen.<br \/>\nBevor sie schlafen ging, stand sie vor der Leinwand und versuchte, etwas darauf wahrzunehmen, ein Bild, das l\u00e4ngst irgendwo sein konnte in verborgenen Sph\u00e4ren, sie musste nur danach greifen, es war da, um ins Sichtbare geholt zu werden.<br \/>\nDann lag sie im Dunkeln und sah den umherwandernden Gedanken zu.<br \/>\nIm Morgengrauen stand sie auf, zog sich etwas Warmes an und ging langsam zum Arbeitszimmer. Die Vorstellung eines Ganzen formte sich, und als sie ins Zimmer trat, konnte sie das Bild vor sich sehen. Sie w\u00e4hlte die Farben aus und begann zu malen. Sie legte den Pinsel erst weg, als die ersten Sonnenstrahlen \u00fcber den Horizont stiegen und das Licht im Raum ver\u00e4nderten.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">\n<p align=\"LEFT\">***<\/p>\n<p>Am Fluss<\/p>\n<p>Die meisten Parkb\u00e4nke waren leer. Nur oben beim Gew\u00e4chshaus sa\u00dfen ein paar Leute, an diesem k\u00fchlen, aber sonnigen Tag im April. Vera suchte sich eine Bank aus und setzte sich. Ohne Z\u00f6gern packte sie aus der Umh\u00e4ngetasche einen Ringblock aus, kramte im Seitenfach nach dem Kugelschreiber, schlug eine leere Seite auf und begann zu schreiben.<br \/>\nEtwa eine Stunde sp\u00e4ter, nachdem sie alles durchgelesen hatte, verlie\u00df sie den Garten. Zu Fu\u00df gelangte sie rasch zum Flussufer, wo das Fahrrad stand. Es war nicht windig an diesem Tag. Es war, als wollten Wind und Wolken ihr Unternehmen mit Wohlwollen unterst\u00fctzen. Sie fuhr auf dem Radweg los, am Fluss entlang, solange der Weg es erlaubte. Sie fuhr weder schnell noch langsam, nahm einige der entgegenkommenden Radfahrer wahr, nahm Spazierg\u00e4nger wahr und ein paar Jogger und Hunde und dachte an die geschriebenen Zeilen, daran, ob etwas fehlte, aber es fiel ihr nichts ein.<br \/>\nVon einem St\u00fcck Stra\u00dfe wechselte sie wieder auf den Radweg, jetzt vorbei an Feldern, Wiesen und am Tower des Flughafens. Ein Flugzeug landete in einiger Entfernung. Schlie\u00dflich f\u00fchrte der Weg wieder zum Fluss, und sie stellte das Rad ab, dort, wo ein Drahtzaun Weg und Rollfeld voneinander trennte.<br \/>\nAuf den trockenen Flusssteinen verlangsamte sie ihr Tempo. Ein liegender Baumstamm bot Platz zum Sitzen, und jetzt sa\u00df sie erst einmal da und betrachtete das str\u00f6mende Wasser. Sie erwartete nicht, dass sie sich leichter f\u00fchlen w\u00fcrde, dass ein Ritual wie dieses gro\u00dfe Ver\u00e4nderungen im Gef\u00fchlsleben bewirkte. Nicht alle Gef\u00fchle waren gerade zug\u00e4nglich. Dennoch hatte sie alles aufgeschrieben, was ihr eingefallen war. Wenn sie wieder vertrauen wollte, so empfand sie es, war ein Loslassen n\u00f6tig.<br \/>\nSie nahm den Ringblock aus der Tasche und trennte die zwei beschriebenen Bl\u00e4tter heraus. Noch einmal sah sie die Zeilen durch, all die alten Verletzungen, die noch unvergessen waren. Dann legte sie die Bl\u00e4tter \u00fcbereinander und faltete sie zu einem Schiff. Sie ging zum Ufer, stieg auf einen breiten Stein und setzte das Schiffchen auf der Str\u00f6mung ab. Sie sah ihm nach, wie es davongetragen wurde, erst der wei\u00dfen Spitze, die sich tapfer aufrecht hielt und dann zur Seite kippte, dann dem verschwommenen hellen Fleck, der unter Wasser treibend rasch aus ihrem Blick verschwand.<br \/>\nAuf dem Heimweg trat sie kr\u00e4ftiger in die Pedale. Die Lungen f\u00fcllten sich mit Luft. Sie atmete ein und aus, ein und aus. Sie nahm die Gedanken wahr, die unerm\u00fcdlich ihren Dienst taten und die gelenkt werden konnten und zum Ausdruck gebracht. Sie nahm Gef\u00fchle wahr, die sie in ihrem Flie\u00dfen an ihr Lebendigsein erinnerten. Sie nahm wahr, wie die Sinne die Welt erfassten, wie alles zusammenwirkte und bereitstand. F\u00fcr wenige Augenblicke gab es nur das Sein, weder gut noch schlecht, weder vergangen noch zuk\u00fcnftig, es existierte die blo\u00dfe Gegenwart und sie in ihr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-403","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-texte"],"views":2945,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/403","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=403"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/403\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":406,"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/403\/revisions\/406"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=403"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=403"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=403"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}