{"id":506,"date":"2019-02-15T13:52:33","date_gmt":"2019-02-15T12:52:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.julia-andorfer.at\/?p=506"},"modified":"2019-02-15T15:43:33","modified_gmt":"2019-02-15T14:43:33","slug":"506","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/?p=506","title":{"rendered":"Freunde, Teil neun"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\"> <br><\/h2>\n\n\n\n\n<p><!--more--><\/p>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">18<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es war ein Samstagabend, und Tobias und Laura gingen aus. Der Sommer war noch einmal richtig hei\u00df geworden, und noch immer war die Luft warm, sodass man kurz\u00e4rmelig gehen konnte. Die Altstadt war voll mit Nachtschw\u00e4rmern, ihren Stimmen und ihrem Lachen. Tobias und Laura hielten sich an den H\u00e4nden und schlenderten \u00fcber das Pflaster. Heute schien alles gut zwischen ihnen.<br>Lauras Telefon l\u00e4utete, als sie sich gerade an einen Tisch im Gastgarten gesetzt hatten. Es war Daniel.<br>\u201eNina ist krank\u201c, sagte er. \u201eNichts Schlimmes. Ein bisschen Fieber und Schnupfen. Und ich wollte kurz an die frische Luft.\u201c<br>\u201eTobias und ich sind gerade in einem Lokal\u201c, sagte Laura.<br>\u201eSchade. Ich hatte gehofft, dass du zuhause bist. Aber ich freue mich auch f\u00fcr dich, wenn ihr es sch\u00f6n habt.\u201c<br>Laura sp\u00fcrte einen Widerstand dagegen, aufzulegen und seine Stimme nicht mehr zu h\u00f6ren. Einige Momente lang sagte keiner etwas. Vielleicht ging es Daniel genauso? Sie blieben also in dieser stillen Verbindung, jeder den anderen wahrnehmend. Tobias lie\u00df einen sch\u00f6nen Gru\u00df ausrichten, was Daniel erwiderte.<br>Dann sagte Laura, mit Bedauern in der Stimme: \u201eNa gut, dann h\u00f6ren wir uns ein anderes Mal.\u201c<br>Dann war er fort, allein auf seinem abendlichen Spaziergang.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am n\u00e4chsten Tag, Laura stand gerade in der K\u00fcche und bl\u00e4tterte in einem Kochbuch, l\u00e4utete Tobias&#8216; Handy. Laura wandte den Kopf und sah, dass es Miriam war. Tobias war wohl gerade im Bad, vielleicht rasierte er sich und w\u00fcrde zur\u00fcckrufen.<br>\u201eDa war ein Anruf f\u00fcr dich\u201c, sagte Laura, als er in die K\u00fcche kam. Tobias griff nach dem Handy und tippte auf eine Taste, um dann \u00fcberrascht, aber auch freudig zu reagieren. Dann ging er ins Wohnzimmer, von wo Laura ihn undeutlich sprechen h\u00f6rte. Sie bem\u00fchte sich, einzelne S\u00e4tze zu verstehen, was nur sp\u00e4rlich gelang. Sie wollte wissen, was diese Miriam von ihm wollte.<br>Dann stand Tobias in der T\u00fcr.<br>\u201eIch treffe mich heute mit Miriam, m\u00f6chtest du mitgehen?\u201c<br>Laura verneinte.<br>Dann sagte sie: \u201eIch kann dir doch vertrauen, oder?\u201c<br>\u201eDas wei\u00dft nur du\u201c, sagte Tobias.<br>Er kam n\u00e4her.<br>\u201eNat\u00fcrlich kannst du mir vertrauen. Sie ist neu in der Stadt und kennt nicht viele Leute. Ich habe ihr gesagt, dass sie mich anrufen kann.\u201c<br>Nach einer Pause f\u00fcgte er hinzu: \u201eDas ist wie mit dir und Daniel.\u201c<br>\u201eNur dass Daniel weit weg ist\u201c, sagte Laura.<br>Am Nachmittag f\u00fchlte Laura sich allein und rief Daniel an. Nina kurierte immer noch ihren grippalen Infekt aus, und Daniel ging ins Wohnzimmer, um in aller Ruhe mit Laura telefonieren zu k\u00f6nnen. Sie erz\u00e4hlte ihm von Miriams Anruf und ihrem Mangel an Vertrauen.<br>\u201eAus der Distanz und so, wie ich Tobias erlebt habe\u201c, sagte er, \u201eglaube ich, dass du ihm vertrauen kannst. Man trifft immer wieder neue Menschen, so ist das eben.\u201c<br>\u201eIch musste zehn Leute anschreiben, um einen neuen Menschen zu treffen\u201c, sagte Laura. \u201eWarum wohnst du nicht in der N\u00e4he.\u201c<br>\u201eJetzt wird es langsam Zeit, dass du mich besuchen kommst\u201c, sagte Daniel. \u201eDu kannst allerdings nicht bei uns schlafen. Aber ich w\u00fcrde mir Zeit nehmen f\u00fcr dich. Und ich m\u00f6chte dir etwas zeigen.\u201c<br>\u201eDas Bild deines Lebens!\u201c, sagte Laura wie aus der Pistole geschossen. \u201eIst es fertig?\u201c<br>\u201eIm Gro\u00dfen und Ganzen ja.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Laura w\u00e4hlte ein Wochenende und ein Hotel aus, in der N\u00e4he von Daniels Wohnung. Sie freute sich \u00fcber die Abwechslung und \u00fcber die gut gef\u00fcllten Tage, versp\u00fcrte sie doch in ihrem Alltag eine gewisse Leere. Sie k\u00fcsste Tobias zum Abschied und sa\u00df endlich im Zug.<br>Das Hotel war leicht zu finden. Von ihrem Zimmer aus rief sie Daniel an. Der schlug den Besuch einer Ausstellung vor.<br>In der gro\u00dfen Stadt gab es so viel zu sehen und zu tun, dass Laura zwei Wochen h\u00e4tte bleiben k\u00f6nnen. Das Wichtigste jedoch war, dass sie mit Daniel zusammensein konnte. \u201eNina geht es schon wieder besser\u201c, sagte er. \u201eSie war heute Mittag schon drau\u00dfen.\u201c<br>Laura erz\u00e4hlte ihm, dass sie sich bei der Universit\u00e4tsbibliothek beworben hatte, leider ohne Erfolg. Als n\u00e4chstes seien die Buchhandlungen an der Reihe.<br>\u201eOder Bilder verkaufen\u201c, sagte Daniel.<br>\u201eEs gibt da ein kleines Caf\u00e9, in dem ich vielleicht ausstellen k\u00f6nnte\u201c, sagte Laura. \u201eIch habe noch nicht gefragt, aber meine Bilder w\u00fcrden gut hinpassen.\u201c<br>\u201eDann frag\u201c, sagte Daniel.<br>\u201eAber eine Ablehnung w\u00e4re so entt\u00e4uschend. Vielleicht habe ich deshalb noch nicht gefragt.\u201c<br>\u201eDann gibt es irgendeine andere M\u00f6glichkeit.\u201c<br>Daniel hatte leicht reden. Er hatte einen Beruf, in dem er sich voll einbringen konnte. Er machte das, was ihm entsprach.<br>Wenn Malen f\u00fcr Laura das Richtige war, w\u00fcrde sie immer weitere Motive finden? Wo w\u00fcrde sie \u00fcber die Jahre die Inspiration herbekommen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Expressionisten-Ausstellung war gro\u00dfartig, kr\u00e4ftige Farben, bunte Gesichter. Laura h\u00e4tte im Anblick mancher Bilder versinken k\u00f6nnen. Gleichzeitig f\u00fchrten diese Bilder ihr vor Augen, dass sie keine Gabriele M\u00fcnter war und vielleicht nie sein w\u00fcrde. Lohnte es sich, weiterzumachen, wenn ihre Arbeiten am Ende nur mittelm\u00e4\u00dfig waren?<br>\u201eVielleicht bist du nicht mittelm\u00e4\u00dfig\u201c, sagte Daniel sp\u00e4ter. \u201eIch glaube, wenn du eine Malerin bist, kannst du nicht anders, als immer wieder etwas anzufangen.\u201c<br>\u201eIch bin unzufrieden, wenn ich nicht male\u201c, sagte Laura. \u201eIn den Pausen zwischen den Bildern, die es zur Zeit gibt, bin ich unzufrieden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie stiegen in die U-Bahn, um zu Daniels Wohnung zu fahren, denn dort wartete das Bild, das er gemalt hatte. Nina war nicht da, sie war einkaufen. Daniel f\u00fchrte Laura ins Schlafzimmer (auch er malte in diesem Zimmer) zur Staffelei. Da war es, das \u201eBild seines Lebens\u201c. Einige Personen waren darauf zu sehen, auch er selbst, wie unschwer zu erkennen war. Er stand in der Mitte. Auf gleicher H\u00f6he mit sich selbst hatte er Nina gemalt. Seine Eltern befanden sich im linken Bildhintergrund. Das k<br>onnte man als Vergangenheit interpretieren, aber auch als r\u00e4umliche oder emotionale Distanz. Rechts von Daniel, auf gleicher H\u00f6he, nur etwas weiter weg, erkannte Laura sich selbst.<br>\u201eBin das ich?\u201c, fragte sie.<br>Daniel nickte.<br>\u201eDanke\u201c, sagte sie.<br>\u201eWof\u00fcr?\u201c, fragte Daniel.<br>\u201eDass ich ein Teil deines Lebens bin.\u201cDaniel sah Laura an und l\u00e4chelte.<br>\u201eDas bist du.\u201c<br>Eine Weile sagte niemand etwas. Laura schaute das Bild an. Es waren auch Gegenst\u00e4nde darauf. Laura entdeckte Daniel als Jungen mit einem Fu\u00dfball unter dem Arm. In einer Ecke des Bildes sa\u00df Daniel mit einem Kind lernend an einem Tisch. Man konnte mit den Augen auf dem Bild herumwandern, sich Gedanken machen und immer wieder ein Detail finden und verstehen. Neben dem Jungen mit dem Fu\u00dfball gab es eine kleine Gruppe Kinder, es mussten wohl Freunde aus der Kindheit sein. Dann in einer Kette aneinandergereiht: die Freiheitsstatue, der Eiffelturm, der Big Ben, wenn Laura ihn richtig erkannt hatte.<br>Reisen, oh ja, das war auch Laura wichtig. Mit der Freiheitsstatue h\u00e4tte sie auf einem eigenen Bild nicht dienen k\u00f6nnen, mit London und Paris aber schon.<br>\u201eEs ist alles sehr sch\u00f6n gemalt\u201c, sagte sie. \u201eDu bist wirklich talentiert.\u201c<br>Daniel machte eine wegwerfende Handbewegung.<br>\u201eAch, das ist nur Freizeitvergn\u00fcgen. Nicht ernsthaft wie bei dir.\u201c<br>Laura h\u00f6rte, wie die Wohnungst\u00fcr aufgesperrt wurde. Ein paar Momente sp\u00e4ter betrat Nina das Zimmer und sch\u00fcttelte Laura die Hand.<br>\u201eUnser Besuch ist da\u201c, sagte sie l\u00e4chelnd. \u201eWir k\u00f6nnten doch morgen eine kleine Wanderung machen.\u201c<br>Laura konnte darauf schlecht erwidern, dass sie lieber mit Daniel allein etwas machen w\u00fcrde. Nina wollte ganz offensichtlich dabei sein; ob aus purer Unternehmungslust oder aus dem Grund, dass sie ein Auge auf Daniel haben wollte, lie\u00df sich nicht feststellen.<br>Schon zum Abendessen gingen sie zu dritt, in ein chinesisches Restaurant. Nina war Laura sympathisch, aber der Eindruck blieb, dass sie deshalb freundlich zu ihr war, weil sie die Freundschaft zwischen Laura und Daniel nicht zu eng haben wollte.<br>Sp\u00e4ter im Hotel rief Laura Tobias an, aber er hob nicht ab. Es war ein Samstagabend, er war bestimmt unterwegs, mit Markus vielleicht. Hoffentlich nicht mit Miriam, dachte Laura. Sie empfand einen Unterschied zwischen dieser Verbindung und ihrer Verbindung mit Daniel. Letztere war reine Freundschaft, weil da keine k\u00f6rperliche Anziehung war. Und was noch wesentlich war: Miriam hatte keinen Freund.<br>Sie wollte Daniel anrufen, aber es war schon sp\u00e4t, und sie wollte nicht mehr st\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am n\u00e4chsten Tag vereinbarten sie einen Zeitpunkt in einem Lokal, wo sie zu Mittag a\u00dfen. Danach fuhren sie mit dem Auto hinaus aus der Stadt, zu einem Wanderweg quer durch den Wald. Man konnte dort eine Runde gehen, etwa zwei Stunden lang. Es hatte am Vormittag leicht geregnet, aber jetzt meinte das Wetter es gut mit ihnen. Es gab auch ein Gasthaus auf der Strecke, wo sie einkehrten, um etwas zu trinken.<br>Auf dem weiteren Weg, es ging gerade bergab \u00fcber Steine, knickte Ninas Fu\u00df um und lie\u00df sie hinfallen. Der Fu\u00df tat ihr weh, und sie konnte nicht auftreten. \u201eEs ist nicht mehr weit bis zum Parkplatz\u201c, sagte Daniel. \u201eIch trage dich bis dorthin, dann fahren wir ins Krankenhaus.\u201c Laura nahm Daniels Rucksack, und er nahm Nina huckepack auf den R\u00fccken.<br>Im Krankenhaus wurde festgestellt, dass es eine Verstauchung war. Nina \u00e4rgerte sich \u00fcber ihr Missgeschick, weil sie jetzt nur auf Kr\u00fccken herumhumpeln konnte. Sie sa\u00df zuhause auf der Couch, die Beine ausgestreckt, und wurde von Daniel und Laura versorgt mit allem, was sie brauchte.<br>Daniel machte ein Abendessen, und Laura war in der K\u00fcche endlich allein mit ihm. Sie hatten davon gesprochen, ins Kino zu gehen, aber Laura wagte kaum, es anzusprechen.<br>\u201eIch nehme an\u201c, sagte sie, \u201edu willst heute nicht mehr ins Kino.\u201c<br>\u201eIch will sie nicht alleinlassen\u201c, sagte Daniel.<br>\u201eSie kommt doch zurecht. Es ist ja nicht so, dass sie nicht gehen kann.\u201c<br>Laura wollte auf einmal k\u00e4mpfen um den Abend mit ihm, sie wollte nicht akzeptieren, dass sie keine Zeit mehr mit ihm allein verbringen w\u00fcrde wie am Vortag in der Ausstellung.<br>\u201eNein, Laura, das geht nicht\u201c, sagte er bestimmt.<br>\u201eSchade.\u201c<br>Er widmete sich schweigend wieder dem Kochen. Laura wollte mehr von ihm, mehr Zeit, mehr Freundschaft, und jetzt war sie bei ihm und musste ihn teilen.<br>Daniel musste am n\u00e4chsten Tag wieder in die Arbeit, und sie verabschiedeten sich, als Laura nach dem Abendessen ging. Sie fr\u00fchst\u00fcckte im Hotel und sa\u00df wieder im Zug, von wo aus sie Tobias anrief.<br>\u201eWie war&#8217;s?\u201c fragte er.<br>\u201eGanz sch\u00f6n. Wie war dein Wochenende?\u201c<br>\u201eGut. Ich bin am Samstag mit Markus, Stefanie und Miriam ausgegangen.\u201c<br>Laura fragte sich, warum sie sich bei dem Gedanken ausgeschlossen f\u00fchlte. Eine Weile sagte niemand etwas. Dann sagte Tobias, sch\u00f6n, wenn du wieder da bist.<br>Nach dem Telefonat packte sie den Notizblock aus, in dem sie zeichnete oder ihre Gedanken aufschrieb. Der Gro\u00dfteil der Fahrt lag noch vor ihr, da konnte sie die Zeit nutzen f\u00fcr das Sammeln neuer Ideen. Meine Freundschaft mit Daniel, schrieb sie. Noch nie hatte ich eine solche Freundschaft. Die Zeit ist immer zu knapp. Andere H\u00e4nde umfassen ihn, strecken sich nach ihm, meine greifen zu kurz. Male ich ihm einen Heiligenschein? Ich kann keine gravierenden Fehler entdecken. Liegt das daran, dass wir wenig Zeit miteinander verbringen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den darauffolgenden Wochen versuchte Laura Motive zum Malen zu finden. Einmal fuhr sie an einen See, woraus zwei Bilder entstanden, aber dann fehlten ihr die Ideen f\u00fcr Neues. Sie bewarb sich ohne Ergebnis bei zwei Buchhandlungen in der Stadt. Die freie Zeit f\u00fcllte sie mit Lesen und Spazierg\u00e4ngen. Es war, als w\u00fcchse eine Leere in ihr, eine Lethargie, die auch Tobias oder Daniel nicht wegwischen konnten.<br>Ob sie schon in dem Caf\u00e9 angefragt habe wegen der Ausstellung ihrer Bilder, fragte Daniel am Telefon. Nein, sagte Laura.<br>\u201eUnd malst du?\u201c, fragte er.<br>\u201eIm Moment nicht.\u201c<br>Er seufzte.<br>\u201eIst dir nicht leid um die verpasste Gelegenheit?\u201c<br>\u201eDu meinst das Caf\u00e9? &#8211; Das l\u00e4uft mir ja nicht davon.\u201c<br>\u201eVielleicht doch.\u201c<br>\u201eIch mache das in meinem eigenen Tempo.\u201c<br>Jetzt wurde Daniel \u00e4rgerlich.<br>\u201eDas ist nur die Angst vor der Ablehnung, weiter nichts. Wenn du die nicht \u00fcberwindest, kann ich dir auch nicht helfen.\u201c<br>\u201eWarum wirst du denn so schnippisch?\u201c<br>\u201eWeil du begabt bist, aber zu feig, deine Werke dem Urteil anderer auszusetzen.\u201c<br>\u201eIch bin \u00fcberhaupt nicht feig. Ich wei\u00df nur nicht, ob das mit dem Caf\u00e9 einen Sinn hat.\u201c<br>\u201eDas kannst du nur wissen, indem du es tust.\u201c<br>Laura war irritiert \u00fcber seinen ungehaltenen Tonfall. Er schien sich tats\u00e4chlich \u00fcber sie zu \u00e4rgern. Wo war der immer verst\u00e4ndnisvolle Daniel, den sie so mochte?<br>\u201eIch habe Dinge zu erledigen\u201c, sagte er, und damit war das Gespr\u00e4ch beendet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Daniel meldete sich zwei Wochen lang nicht bei ihr, und sie wagte nicht, ihn anzurufen, solange sie bei dem Caf\u00e9 nicht angefragt hatte. Stattdessen begann sie ein neues Bild, ein Stillleben mit Topfpflanze und Teetasse.<br>Tobias kam sp\u00e4t nachhause. Auf ihre Frage hin antwortete er nur, es gebe viel Arbeit im B\u00fcro. An einem Samstag l\u00e4utete sein Handy, w\u00e4hrend er unter der Dusche war. Es war Miriam. Laura nahm den Anruf entgegen und sagte der anderen, Tobias werde sie zur\u00fcckrufen. Miriam wirkte auf sie verschreckt, aber vielleicht kam ihr das nur so vor. Sie kannte sie ja nicht. Jetzt w\u00e4re es ihr komisch vorgekommen, zu einem Paartreffen wieder mitzukommen, jetzt, wo es Miriam gab. Sie stellte es sich vor, und es kam ihr so vor, als w\u00e4re sie das f\u00fcnfte Rad am Wagen, nicht Miriam. Aber es so laufen lassen? Sie wollte lieber eine L\u00fccke sein, sie wollte vermisst werden. Miriam schloss diese L\u00fccke, und so fehlte sie niemandem, wom\u00f6glich nicht einmal Tobias.<br>Daf\u00fcr fehlte ihr Daniel. Auf einmal f\u00fchlte sie sich allein. Knapp zwei Wochen nach dem letzten Telefonat betrat sie das Caf\u00e9 und lud den Besitzer ein, sich ihre Bilder anzuschauen. Er kam am Abend vorbei und sah sechs Werke, das siebte war noch in Arbeit. \u201eEinverstanden\u201c, sagte er. An den darauffolgenden Tagen war Laura damit besch\u00e4ftigt, geeignete Bilderrahmen auszusuchen und das siebte Bild zu vollenden. Schlie\u00dflich trug sie alles ins Caf\u00e9, wo sie und der Besitzer jedes Bild an einen geeigneten Platz h\u00e4ngten. Ihre Werke, so dachte sie, waren hier besser aufgehoben als zuhause an die Wand gelehnt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">19<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eBist du bald fertig?\u201c, fragte Tobias vor der Badezimmert\u00fcr.<br>Laura hatte sich schon lang nicht mehr zurechtgemacht. Aber heute ging sie aus, und sie hatte Lust bekommen, sich ein wenig zu schminken. Die Haare lie\u00df sie offen und b\u00fcrstete sie als Letztes.<br>Tobias verschwand seinerseits im Bad, w\u00e4hrend Laura sich die Schuhe anzog. Auf das Parfum hatte sie vergessen; sie h\u00fcllte sich in einen Spr\u00fchnebel, bevor sie den Mantel anzog.<br>Dann verlie\u00dfen sie das Haus. Vier Leute erwarteten sie: Markus, Stefanie und die beiden Singles Miriam und Paul. Seit Sofia sich von Paul getrennt hatte, verzichtete sie auf ein Dabeisein bei gr\u00f6\u00dferen Einladungen und begn\u00fcgte sich damit, mit Stefanie befreundet zu bleiben. Laura wollte es unter diesen ge\u00e4nderten Umst\u00e4nden noch einmal versuchen. Sofia, die sie so k\u00fchl behandelt hatte, fehlte, die Zusammensetzung wirkte harmonisch, und vielleicht war sogar Platz f\u00fcr das Spiel mit der Pantomime.<br>Miriam \u00f6ffnete die T\u00fcr. Laura sah sie zum ersten Mal und war \u00fcberrascht von ihrem h\u00fcbschen \u00c4u\u00dferen; sie hatte sie sich, wohl zur eigenen Beschwichtigung, nicht \u00fcberm\u00e4\u00dfig attraktiv vorgestellt. Dann kamen die \u00fcblichen Aperitifs, und Laura lie\u00df das halbe Glas stehen, weil sie Alkohol auf leeren Magen noch nie gemocht hatte. Stefanie hatte wie \u00fcblich aufgekocht, und Laura musste vor sich zugeben, dass es wirklich gut schmeckte, von der Vorspeise bis zum Dessert.<br>Paul war schweigsam und lachte kaum, was nicht verwunderlich war. Sie waren sieben Jahre zusammen gewesen, und laut seiner Aussage war es \u201ehoffnungslos aus\u201c.<br>\u201eLaura, ich habe geh\u00f6rt, du stellst deine Bilder aus\u201c, sagte Stefanie. \u201eDa muss ich ja mal in dieses Caf\u00e9 schauen.\u201c<br>\u201eWir k\u00f6nnen auch gemeinsam hingehen\u201c, sagte Laura.<br>Sp\u00e4ter im Auto fragte Tobias, wie ihr der Abend gefallen habe.<br>\u201eGar nicht so \u00fcbel\u201c, sagte Laura.<br>\u201eGar nicht so \u00fcbel!\u201c, erwiderte Tobias am\u00fcsiert, indem er die Worte ein wenig in die L\u00e4nge zog.<br>Laura musste lachen.<br>\u201eSofia war nicht da, das Essen war gut, und Spielen macht mir sowieso immer Spa\u00df.\u201c<br>Tobias wirkte erleichtert. Man konnte ihm ansehen, dass Lauras Fernbleiben ihn unzufrieden gestimmt, wenn nicht sogar bedr\u00fcckt hatte.<br>Sie waren beide noch nicht m\u00fcde. Statt sich vor den Fernseher zu setzen, begannen sie sich zu k\u00fcssen und zu umarmen; es war lange her, dass Laura dabei eine solche Lebensfreude empfunden hatte, und sie merkte Tobias an, dass es ihm genauso ging.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie traf Stefanie im Caf\u00e9 und ging mit ihr von Bild zu Bild. Die Worte auf zwei Bildern wurden nicht mehr kommentiert; vielleicht glaubte Stefanie ihr endlich, dass sie von ihr waren. Ein \u00e4lterer Mann, der an der Bar sa\u00df, sah ihnen neugierig zu. Es war fr\u00fcher Nachmittag, au\u00dfer ihnen und dem Kellner waren noch keine Leute da. Als sie an dem \u00e4lteren Mann vorbeigingen, sagte der zu Laura: \u201eSie sind die K\u00fcnstlerin, oder? Am besten gef\u00e4llt mir das mit den zwei V\u00f6geln.\u201c Er deutete hin.<br>\u201eMan kann die Bilder auch kaufen\u201c, sagte Laura. Es war jetzt schon eine gute Idee gewesen, die Bilder hier auszustellen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das letzte Telefonat mit Daniel war nun vier Wochen her. Hingen ihre Bilder nicht im Caf\u00e9, h\u00e4tte Laura sich nicht getraut, ihn anzurufen. So aber hatte sie eine gute Neuigkeit, eine, die ihm gefallen w\u00fcrde. Tats\u00e4chlich freute er sich, und Laura war gl\u00fccklich, dass die schlechte Stimmung zwischen ihnen verflogen war.<br>\u201eBin ich froh\u201c, sagte sie. \u201eIch habe mir schon ausgemalt, dass der Kontakt zwischen uns verlorengeht.\u201c<br>\u201eWegen einer Unstimmigkeit passiert das nicht, Laura.\u201c<br>Laura sagte einen Moment nichts.<br>\u201eDu bist mein bester Freund, Daniel.\u201c<br>Er sagte nichts. Aber Laura meinte, ihn l\u00e4cheln zu sehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-506","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-texte"],"views":2615,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/506","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=506"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/506\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":542,"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/506\/revisions\/542"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=506"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=506"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=506"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}