{"id":508,"date":"2019-02-15T14:05:15","date_gmt":"2019-02-15T13:05:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.julia-andorfer.at\/?p=508"},"modified":"2019-02-15T15:42:15","modified_gmt":"2019-02-15T14:42:15","slug":"freunde-teil-acht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/?p=508","title":{"rendered":"Freunde, Teil acht"},"content":{"rendered":"\n<p><br><\/p>\n\n\n\n\n<p><!--more--><\/p>\n\n\n<p>16<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Lokal veranstaltete ein Sommernachtsfest, im Stadtgarten bei freiem Eintritt. Laura rief Daniel an, ob er \u2013 mit oder ohne Nina \u2013 Lust h\u00e4tte, noch mal herzufahren. Nat\u00fcrlich w\u00e4ren auch die \u00fcblichen Leute dabei, Markus und Stefanie und Paul und Sofia. Vielleicht w\u00fcrde Tobias andere Bekannte treffen. Es w\u00fcrde mehr Gelegenheit geben, mit anderen als den \u00dcblichen zu reden. Daniel fragte erst Nina und sagte dann zu, f\u00fcr sie beide.<br>Es hatte nach einem Gewitter ausgesehen, das aber vorbeigezogen war. Jetzt war die Luft immer noch warm vom Sommertag. Die Leute standen beisammen oder sa\u00dfen auf Barhockern oder an Tischen. Paul und Sofia kamen mit Versp\u00e4tung, und wie schon einmal hatte Laura das Gef\u00fchl, dass da etwas unklar war zwischen ihnen, eine dr\u00fcckende Stimmung, die sie zu verdecken versuchten.<br>Sie bestellten sich Wein und Tapas, und Laura setzte sich auf einen freien Barhocker. Und wirklich: Tobias kannte hier auch andere Leute, die vorbeikamen und mit ihm redeten. Teilweise waren es gemeinsame Bekannte von ihm und Markus.<br>Sofias Haltung Laura gegen\u00fcber war unver\u00e4ndert, sie begegnete ihr mit k\u00fchler Distanz. Auch Daniel merkte es, als Laura ihm einen Blick zuwarf.<br>\u201eSofia\u201c, sagte er, \u201eich muss dich etwas fragen. Bist du immer so&#8230; distanziert?\u201c<br>Sie gab sich entr\u00fcstet.<br>\u201eIch bin doch nicht distanziert!\u201c<br>\u201eDoch\u201c, sagte Daniel, \u201eund wie. Man kommt sich ein bisschen vor wie fehl am Platz, wie unerw\u00fcnscht.\u201c<br>Sofia starrte ihn mit offenem Mund an. Laura sah Daniel \u00fcberrascht an. Ein paar Sekunden lang sagte niemand etwas.<br>\u201eAlso wenn ich so wirke, dann h\u00f6chstens deshalb, weil mir missf\u00e4llt, wenn sich jemand mit fremden Federn schm\u00fcckt.\u201c Dabei wanderte ihr Blick zu Laura.<br>\u201eIst das eine Anspielung auf den chilenischen Dichter?\u201c, fragte Daniel.<br>Sofia nickte kurz.<br>\u201eDas ist mir selber eingefallen\u201c, sagte Laura zum wiederholten Mal.<br>Daniel deutete auf Laura. \u201eJa, und ich glaube ihr.\u201c<br>Sofia sagte nichts.<br>Dann sagte Daniel: \u201eWarum gibst du nicht einfach zu, dass du sie nicht magst, anstatt irgendwelche Dinge zu unterstellen?\u201c<br>Sofia rutschte von ihrem Barhocker herunter.<br>\u201eJetzt reicht es mir\u201c, sagte sie. \u201ePaul, ich m\u00f6chte gehen.\u201c<br>Paul sah auf die Uhr.<br>\u201eEs ist erst zehn.\u201c<br>Die beiden verzogen sich in eine ruhigere Ecke, man konnte sehen, wie sie debattierten. Tobias sah Daniel an, und es war eine Spur von Vorwurf in seinem Blick.<br>\u201eEntschuldige, Laura\u201c, sagte Daniel. \u201eDas ist meine direkte Art. Ich mag es nicht, wenn Dinge unter der Oberfl\u00e4che schwelen.\u201c<br>\u201eDu musst dich f\u00fcr nichts entschuldigen\u201c, sagte Laura. \u201eUnd ich glaube auch, dass sie mich nicht mag, warum auch immer.\u201c<br>\u201eVielleicht, weil du kreativ bist.\u201c<br>Paul und Sofia kamen zur\u00fcck und wandten sich an Markus, Stefanie und Tobias.<br>\u201eWir gehen.\u201c<br>Laura, Daniel und Nina w\u00fcrdigten sie keines Blickes. Auf einmal ging ein Riss durch das Bild, eine Gruppe stand einer anderen Gruppe gegen\u00fcber. Am liebsten w\u00e4re Laura mit Daniel und Nina woanders hingegangen, denn Tobias wirkte aufgebracht \u00fcber das vorzeitige Gehen von Paul und Sofia. Aber das h\u00e4tte ihn noch mehr verstimmt.<br>Bis halb zw\u00f6lf blieben sie noch, was schwer genug war. Tobias und Laura begleiteten Daniel und Nina zum Hotel. Am n\u00e4chsten Tag wollten sie ins Gebirge hinauffahren, sie vereinbarten eine Zeit am Vormittag.<br>\u201eFahr du mit ihnen hinauf\u201c, sagte Tobias. \u201eIch bleibe hier.\u201c<br>\u201eBist du sicher? Es wird ein sch\u00f6ner Tag.\u201c<br>\u201eEs sind schlie\u00dflich deine Freunde.\u201c Er l\u00e4chelte wehm\u00fctig.<br>\u201eIch habe das Gef\u00fchl, du verstehst gerade etwas\u201c, sagte Laura.<\/p>\n\n\n\n<p>Die vollbesetzte Gondel glitt den Berg hinauf. Laura kannte die Strecke und den Blick von oben von mehrmaligen Fahrten. F\u00fcr Daniel und Nina war es neu, und sie staunten. Nina machte Fotos mit einer kleinen digitalen Kamera. Sie fragte jemanden, ob er ein Bild von ihnen allen machte. Sie r\u00fcckten zusammen, Laura, Nina in der Mitte und Daniel. Nina versprach, ein paar Fotos per E-Mail zu schicken. Dann a\u00dfen sie zu Mittag im Bergrestaurant und sa\u00dfen dabei in der Sonne. Laura hoffte, dass Nina einmal genug Vertrauen haben w\u00fcrde, um Daniel allein zu ihr fahren zu lassen, denn die Qualit\u00e4t der Gespr\u00e4che war sehr unterschiedlich. Es war hier nicht der Rahmen zum Erz\u00e4hlen, zum Sich-\u00d6ffnen, so wie sie das am Telefon schon getan hatten.<br>Laura brachte die beiden mit dem Auto zum Bahnhof. Die gemeinsame Zeit, vor allem mit Daniel, war viel zu kurz gewesen.<br>\u201eWir telefonieren\u201c, sagte er zum Abschied, und es klang wie ein Trost.<\/p>\n\n\n\n<p>17<\/p>\n\n\n\n<p>In der Arbeit wurde geredet, dass es Einsparungen geben sollte. Vielleicht w\u00fcrden Stellen gek\u00fcrzt oder gestrichen werden. Laura hoffte, dass ihre Stelle nicht davon betroffen war. Aber dann wollte die Chefin mit ihr reden.<br>\u201eSie arbeiten bei uns seit gut drei Jahren\u201c, sagte sie. \u201eIch muss Ihnen leider sagen, dass es K\u00fcrzungen im Personalbereich gibt. Man k\u00f6nnte auch die ganzen Stellen in halbe umwandeln, aber wir arbeiten lieber mit zwei Vollzeitmitarbeiterinnen. Es tut mir leid f\u00fcr Sie.\u201c<br>Die Chefin sch\u00fcttelte ihr die Hand, und Laura trottete mit h\u00e4ngenden Schultern hinaus. Unten ging sie in den Pausenraum und setzte sich. Es war schwer vorstellbar, dass sie nicht mehr hier sein w\u00fcrde. Es war kurz vor Dienstschluss, drau\u00dfen wurden die letzten B\u00fccher des Tages ausgeliehen. Sie wartete auf Sandra und Nicola, um mit ihnen zu reden.<br>\u201eIch bin gek\u00fcndigt\u201c, sagte Laura.<br>\u201eDas hei\u00dft, wir sind in Zukunft zu zweit\u201c, sagte Sandra. \u201eDie andere halbe Stelle wird wohl auch gestrichen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Tr\u00e4nen flossen erst, als Laura zuhause war. Sie empfing Tobias an der T\u00fcr mit verweintem Gesicht. Er sah erschrocken aus und wirkte fast erleichtert, dass es sich nur um den Verlust der Arbeitsstelle handelte.<br>\u201eDas kriegen wir schon hin\u201c, sagte er, \u201eauch wenn du nicht so schnell etwas findest.\u201c<br>\u201eDu hast dann mehr Zeit zum Malen\u201c, sagte Daniel, als sie ihn anrief.<br>\u201eAber ich mache diese Arbeit gern\u201c, sagte Laura, \u201eund ich war unter Leuten.\u201c<br>\u201eDas ist traurig, das verstehe ich. Ich will da auch gar nicht alles ins Positive umdeuten.\u201c<br>Wie so oft sagte Daniel das Richtige, was einer der Gr\u00fcnde war, warum sie ihn mochte.<br>\u201eWann kommst du wieder zu Besuch?\u201c, fragte sie.<br>\u201eVon mir aus bald\u201c, erwiderte er, \u201eaber ich muss zuerst mit Nina reden.\u201c<br>Der Satz stimmte Laura nicht gerade optimistisch. Sie hatte Nina erlebt, sie hatte gesp\u00fcrt, dass sie Daniel nicht gern mit ihr alleinlie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie machte sich nicht nur auf die Suche nach einer neuen Arbeit, sondern auch nach neuen Motiven. Sie zeichnete Stillleben von K\u00fcchenkr\u00e4utern, von Tont\u00f6pfen und Zwiebeln, sie ging mit ihrer kleinen Digitalkamera spazieren und fotografierte Blumen und B\u00e4ume inmitten eines Rapsfeldes. Die restlichen Wochen in der B\u00fccherei vergingen wie im Flug.  <br>Die fr\u00fcheren zwei freien Tage in der Woche waren optimal gewesen, um den kreativen Dingen nachzugehen. Jetzt war jeder Tag gro\u00df und leer, und sie musste ihn f\u00fcllen. Manchmal lag sie einfach nur auf dem Bett und war zu tr\u00e4ge, um etwas anzufangen. Manchmal hatte sie gekocht, wenn Tobias am Abend heimkam. Oder sie war ins Malen hineingekommen, und es gab nur etwas Kaltes zu essen.<br>Daniel rief nicht mehr so oft an wie fr\u00fcher. Wenn Laura ihn au\u00dferhalb seiner Arbeitszeiten anrief, vertr\u00f6stete er sie meistens auf ein anderes Mal, und Laura meinte am Ton seiner Stimme zu erkennen, dass Nina in der N\u00e4he war. Sie fragte ihn, ob sie einen fixen Zeitpunkt finden k\u00f6nnten, an dem sie jeweils alleine waren, und er sagte, das vielleicht nicht, aber manchmal gehe er alleine spazieren und k\u00f6nnte sie dann anrufen. Es war ganz sch\u00f6n kompliziert, einen guten Freund zu haben.<br>Laura war trotzdem froh dar\u00fcber. Eine Liebesbeziehung konnte \u00fcberlastet werden, wenn ihr alles aufgetragen wurde, jede Sorge und jede Angelegenheit, die ein offenes Ohr brauchte. Ein Mensch allein reichte nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach l\u00e4ngerer Zeit gab es wieder eine Einladung bei Markus und Stefanie. Laura hatte keine gro\u00dfe Lust darauf. Sie m\u00fcsse sich zwingen, sagte sie zu Tobias. Sie wisse schon im Vorhinein, dass sie sich nicht wohlf\u00fchlen werde.<br>Also blieb sie allein zuhause. Daniel war nicht erreichbar, und so lag sie nach dem Essen auf der Couch und sah fern, eine Dokumentation \u00fcber den New Yorker Central Park, wo sie unbedingt einmal hinwollte. Um elf war Tobias noch nicht zuhause, und sie ging Z\u00e4hne putzen. Dann legte sie sich ins Bett und beschloss, auf Tobias zu warten. Um halb zw\u00f6lf war er immer noch nicht da, und sie lag weiter d\u00f6send im Bett und nickte schlie\u00dflich ein. Als Tobias nach Hause kam und sie aufwachte, war es halb eins.<br>\u201eWie war&#8217;s?\u201c, fragte sie schlaftrunken.<br>\u201eSch\u00f6n\u201c, erwiderte er.<br>Sie roch den Wein, den er getrunken hatte, und sie meinte auch den Wohnungsgeruch wahrzunehmen, den es bei Markus und Stefanie hatte. Und sie nahm eine Ver\u00e4nderung wahr, von der sie nicht wusste, was es war.<br>\u201eWer war denn alles dort?\u201c, fragte sie am n\u00e4chsten Tag beim Fr\u00fchst\u00fcck.<br>\u201eIch, Markus, Stefanie, Paul, Sofia \u2013 und Miriam.\u201c<br>\u201eWelche Miriam?\u201c<br>\u201eIch habe sie vorher auch nicht gekannt. Scheint ganz nett zu sein.\u201c<br>\u201eHei\u00dft das, sie haben f\u00fcr dich eine Frau dazu eingeladen?\u201c<br>Tobias&#8216; Stimme nahm einen beschwichtigenden Tonfall an.<br>\u201eNein. Sie wollten eine gerade Zahl. Und sechs Leute k\u00f6nnen sie leicht bekochen.\u201c<br>Laura schaute ihn gro\u00df an.<br>\u201eEs klingt aber ganz danach, dass sie f\u00fcr dich eine Frau eingeladen haben.\u201c<br>Tobias sagte nichts mehr und fr\u00fchst\u00fcckte in demonstrativer Ruhe weiter. Das Thema war f\u00fcr ihn offenbar erledigt.<br>F\u00fcr Laura war es das nicht. Was war, wenn er Gefallen an dieser Miriam fand? Wenn er feststellte, dass sie besser in diese Gesellschaft passte? Sie wollte nicht das Gef\u00fchl haben, auf ihn aufpassen zu m\u00fcssen, sie wollte ihm vertrauen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Tage wurden leerer. Sie hatte schon so viel gemalt. Die Bilder stapelten sich auf dem Schreibtisch, und sie fand in der unmittelbaren Umgebung keine Motive mehr. Sie h\u00e4ngte zwei Bilder ins Schlafzimmer und verstaute den Rest im Kleiderschrank.<br>Sie versuchte sich an abstrakten Bildern und war wenig zufrieden mit den Resultaten. War das alles, was sie mit ihrem Leben anfangen konnte? Die Frage lastete wie ein Fels auf ihr. Sie malte weniger und brachte die Zeit mit Lesen, Spazierengehen und Fernsehen herum.<br>Sie m\u00fcsste jetzt einen Schritt vorw\u00e4rts machen, empfand sie. Etwas verkaufen, ausstellen, Anerkennung f\u00fcr ihre Bilder ernten. Aber sie wusste nicht, wie sie es anstellen sollte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-508","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-texte"],"views":2313,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/508","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=508"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/508\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":541,"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/508\/revisions\/541"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=508"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=508"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=508"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}