{"id":520,"date":"2019-02-15T14:46:20","date_gmt":"2019-02-15T13:46:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.julia-andorfer.at\/?p=520"},"modified":"2019-02-15T15:35:32","modified_gmt":"2019-02-15T14:35:32","slug":"freunde-teil-zwei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/?p=520","title":{"rendered":"Freunde, Teil zwei"},"content":{"rendered":"\n<p><br><\/p>\n\n\n<p><!--more--><\/p>\n\n\n\n\n<p>4<\/p>\n\n\n\n<p>Hallo Daniel,<\/p>\n\n\n\n<p>gestern waren Tobias und ich eingeladen bei Markus, einem seiner besten Freunde, und Stefanie, seiner Frau. Mit dabei waren Sofia, die sich mir gegen\u00fcber meistens distanziert verh\u00e4lt, und ihr Mann Paul. Ich habe mir schon w\u00e4hrend des Abends den Brief an dich vorgestellt.<br>Irgendwann haben die M\u00e4nner, die Kollegen in derselben Firma sind, angefangen, \u00fcber eine bevorstehende Pr\u00e4sentation zu reden. Die Frauen haben geschwiegen, man hat von ihnen nur das Besteck auf den Tellern klappern geh\u00f6rt. Und ich hatte den Gedanken, dass sich jedes Schweigen von dem der anderen unterschied, als h\u00e4tte es durch die jeweils unterschiedlichen Gedanken dahinter einen eigenen Klang. Hinter Stefanies Schweigen lag der Wunsch, eine gute Gastgeberin zu sein, und ihr Blick schweifte \u00fcber die Teller und Gl\u00e4ser. Sofias Schweigen klang nach etwas, das mir nicht klar war, nach einer Unstimmigkeit vielleicht, die sie zuhause erst aussprechen w\u00fcrde. Mein eigenes Schweigen klang vielleicht fern und unbeteiligt. Es verbarg, was ich dir heute schreibe, wie ich mich f\u00fchlte in dieser Runde.<br>Ich habe mich innerlich immer weiter zur\u00fcckgezogen, bis ich gar nichts mehr gesagt und von den Gespr\u00e4chen nur noch Fetzen geh\u00f6rt habe. Ich habe an die V\u00f6gel gedacht, die ich versuche zu malen, an die Sommerwoche, an Sardinien, wo Tobias mit mir hinwill. Tobias hat mich einmal von der Seite lange angesehen, ihm ist meine Schweigsamkeit nicht entgangen, denn irgendwann ging es nicht mehr um die Firmenpr\u00e4sentation, und die anderen beiden Frauen beteiligten sich wieder am Gespr\u00e4ch. Ich konnte auf Pauls Ansichten \u00fcber Kunst und mein Malen verzichten.<br>Stefanie l\u00e4chelte, als sie sich von uns verabschiedete; ich glaube, sie war zufrieden mit dem Abend.<br>Zu deiner Frage: Au\u00dfer dir haben bis jetzt Maria und Sabine geantwortet. Wir werden sehen, ob sich da ein weiterer Kontakt ergibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Lieben Gru\u00df<br>Laura<\/p>\n\n\n\n<p>Sie\nlegte das zugeklebte Kuvert mit dem Brief darin auf den Schreibtisch.\nJetzt war Zeit zum Malen. Sie wechselte zur Staffelei, setzte sich\ndavor und betrachtete das unfertige Bild. Ein fliegender Vogel war\ndarauf zu sehen, im unteren Teil zwei Gesichter. Rot und Blau\nherrschten vor in dem Bild, der gelbe Vogel verband die Farben\nmiteinander. In einem Teil war noch Platz. Laura nahm einen feinen\nPinsel, tauchte ihn in Schwarz und schrieb auf das Bild:<\/p>\n\n\n\n<p>Echt wird es nur<br>wenn du dich zeigst<\/p>\n\n\n\n<p>Es\nwar das zweite Bild, auf das sie einen Gedanken schrieb. Beim anderen\nstand in Schneckenform:<\/p>\n\n\n\n<p>Gef\u00fchle<br>hinter glattpolierten Leben<\/p>\n\n\n\n<p>Sie verfeinerte das Bild mit dem Vogel noch, malte Farbe auf noch freie Stellen. Sie versuchte, sich an Daniel zu erinnern, an seine Stimme, an sein Gesicht. Das Erinnerungsbild war nur ein wenig verblasst. Vielleicht w\u00fcrden sie bald auch telefonieren, wie richtige Freunde eben. Auf der anderen Seite mochte sie seine Briefe.<br>Nun waren schon vier Wochen vergangen, seit sie die Postkarten weggeschickt hatte, und drei von zehn Leuten hatten sich gemeldet. Sie hatte auf mehr gehofft.<\/p>\n\n\n\n<p>Tobias plante eine Einladung: Markus und Stefanie, Paul und Sofia. Kochen w\u00fcrden sie zu zweit, was sie im Alltag auch oft taten. Laura verlie\u00df das Schlafzimmer und traf Tobias in der K\u00fcche an, \u00fcber ein italienisches Kochbuch gebeugt.<br>\u201eWas h\u00e4ltst du davon?\u201c fragte er und hielt ihr ein Rezept hin. \u201eSeezunge mit Kr\u00e4utersahne\u201c war der Titel. Laura \u00fcberflog die Anleitung. \u201eJa\u201c, sagte sie, \u201eklingt gut.\u201c<br>\u201eUnd was h\u00e4ltst du davon\u201c, fragte sie, \u201ewenn ich mein Bild mit dem Vogel ins Vorzimmer h\u00e4nge?\u201c Tobias folgte ihr ins Schlafzimmer zur Staffelei und betrachtete das Bild.<br>\u201eJa, gut. Neben der Garderobe ist Platz.\u201c<br>Laura fand das Vogelbild nicht ausgereift genug f\u00fcrs Wohnzimmer. Da war noch Qualit\u00e4tsspielraum nach oben hin, dachte sie. Das Wohnzimmerbild w\u00fcrde kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Laura klingelte am Haus Nummer vierzig bei \u201eMeier\u201c. Sara empfing sie oben an der T\u00fcr. \u201eIch habe sie noch im K\u00e4fig gelassen. Ist vielleicht leichter f\u00fcr dich\u201c, sagte sie.<br>\u201eNein, lass sie fliegen, das ist viel sch\u00f6ner\u201c, sagte Laura.<br>Sie w\u00fcnschte sich, die Anmut und Zartheit einzufangen, die diese zwei Unzertrennlichen hatten. Wenn sie sich auf die Vorhangstange setzten, musste sie schnell sein mit dem Skizzieren. Sie hatte auf der Jubil\u00e4umsfeier von den V\u00f6geln bei Sara geh\u00f6rt, und Sara, die Sekret\u00e4rin, war einverstanden mit Lauras Besuchen. Sie erz\u00e4hlte, dass Zeus, einer der beiden V\u00f6gel, sich manchmal auf ihre Schulter setze oder unter den Wasserhahn springe, wenn man das Wasser laufen lasse. Io dagegen, das Weibchen, sei scheuer.<br>Sara wirkte heute angeschlagen, ohne dass Laura einen Grund daf\u00fcr erkennen konnte. Es war Lauras Feinf\u00fchligkeit zu verdanken, dass sie das \u00fcberhaupt bemerkte, denn nat\u00fcrlich setzte Sara sich ein L\u00e4cheln auf. Sie waren ja nicht vertraut miteinander, und somit war klar, dass Sara nichts erz\u00e4hlte, was zu pers\u00f6nlich war. Sie zog sich in die K\u00fcche zur\u00fcck, um Tee zu machen.<br>Den V\u00f6geln schien es gut zu gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>5<\/p>\n\n\n\n<p>Hallo\nDaniel,<\/p>\n\n\n\n<p>ich schreibe schon mal den Brief, auch wenn du auf meinen letzten noch nicht geantwortet hast. K\u00f6nnte sein, dass du diesmal zwei Briefe hintereinander bekommst, ohne deine Antwort dazwischen. Ich will dir etwas erz\u00e4hlen (du warst ja nicht bei dieser Abendgesellschaft).<br>Es war die Wiederholung der Zusammenkunft dreier Paare, nur in einem anderen Haushalt. Die Gespr\u00e4che waren \u2013 f\u00fcr mich jedenfalls \u2013 nicht sonderlich interessant. Nach dem Essen ging ich mit ein paar Geschirrteilen in die K\u00fcche und sah Sofia im Vorzimmer vor meinem Bild stehen, das wir k\u00fcrzlich dort aufgeh\u00e4ngt haben. Sie stand reglos davor, sie starrte f\u00f6rmlich darauf. Als sie mich erblickte, deutete sie auf das Bild und sagte: \u201eDas w\u00fcrde ich als Zitat kennzeichnen.\u201c<br>Die Rede war von ein paar Worten, die ich auf einer freien Stelle aufgemalt habe:<\/p>\n\n\n\n<p>Echt wird es nur<br>wenn du dich zeigst.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWarum als Zitat?\u201c, fragte ich verwundert.<br>\u201eDas stammt aus einem Gedicht von Felipe\u201c, sagte sie, \u201edas Buch steht in eurer B\u00fccherei.\u201c<br>\u201eWirklich?\u201c, sagte ich. \u201eAber der Satz ist von mir.\u201c<br>\u201eWer&#8217;s glaubt\u201c, sagte Sofia und sah mich sp\u00f6ttisch an. \u201eAlso wenn man schon abschreibt, sollte man das dazuschreiben.\u201c<br>Ich sagte noch einmal, dass der Satz von mir sei. Sie glaubte mir nicht. Ich kann es ja nicht beweisen, aber ich will nicht, dass andere so von mir denken. Sie erz\u00e4hlt das jetzt wahrscheinlich ihrem Mann und Stefanie und behauptet etwas Falsches von mir.<br>Was soll ich nur tun, ich komme dieser Frau nicht aus. Immer wenn es ein gesellschaftliches Ereignis gibt, ist sie dabei und mag mich nicht. Und ich bin auch ohne das nicht besonders gern bei all diesen Einladungen und Zusammenk\u00fcnften. Deshalb habe ich den Teilnehmern der Malwoche geschrieben. Und du bist, wie es scheint, der einzige, mit dem ein Austausch stattfindet.<br>(Das soll aber nicht frustriert klingen. Ich freue mich \u00fcber unseren Briefwechsel.)<\/p>\n\n\n\n<p>Lieben Gru\u00df<br>Laura<\/p>\n\n\n\n<p>Sie steckte den Brief ins Kuvert und lie\u00df es offen. Auch wenn der Brief noch nicht abgeschickt war, f\u00fchlte sie sich leichter. Sie w\u00fcrde noch ein bisschen warten.<br>Sie wartete eine Woche und wurde immer unschl\u00fcssiger, ob sie ihren Brief schon wegschicken sollte. Schlie\u00dflich klebte sie ihn zu und ging damit zur Post. Am n\u00e4chsten Tag erreichte sie Daniels Brief.<\/p>\n\n\n\n<p>Liebe\nLaura,<\/p>\n\n\n\n<p>wir, das hei\u00dft Nina und ich, waren jetzt auch einmal eingeladen. Sie kennt viel mehr Leute als ich, mir reichen auch zwei oder drei N\u00e4herstehende. Sie ist die Kontaktfreudige von uns beiden. Der Abend war dann deswegen ganz nett, weil wir nach dem Essen ein lustiges Spiel gespielt haben. Vielleicht kannst du das ja bei euren Zusammenk\u00fcnften vorschlagen. Jeder wird im gleichen Ausma\u00df beteiligt und muss einen Begriff zeichnen, umschreiben oder pantomimisch darstellen \u2013 ach, du kennst es wahrscheinlich. Ich musste am Schluss die \u201eW\u00fcstenoase\u201c pantomimisch darstellen.<br>Wie geht\u2019s dir, was machen die V\u00f6gel, die du da malst? Sind die bei euch zuhause?<br>Ich erz\u00e4hle dir jetzt noch etwas, weil es sich in Ordnung anf\u00fchlt, dir das hier zu erz\u00e4hlen. Nina ist etwas j\u00fcnger als ich; sie ist zweiunddrei\u00dfig, ich bin vierzig. Sie m\u00f6chte gern ein Kind, und ich habe das f\u00fcr mich noch nicht entschieden. Wenn ich beruflich mit den Kindern arbeite und sehe, welche Schwierigkeiten sie haben, bin ich besorgt, wie das bei eigenen Kindern w\u00e4re. Es gibt ja nicht nur Lernschw\u00e4chen, es gibt so viele Probleme, die Kinder haben k\u00f6nnen, auch mit liebevollen Eltern. Ich mache meine Arbeit sehr gern, aber eigene Kinder zu haben, ist etwas ganz anderes.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Gr\u00fc\u00dfe<br>Daniel<\/p>\n\n\n\n<p>Sie legte den Brief in eine Schublade und dachte, dass jetzt wohl Daniel dran sei mit dem Schreiben. Sie stellte sich Nina vor, die sie noch nie gesehen hatte. Sie stellte sich eine freundliche und zugleich entschlossene Frau vor.<br>Tobias klopfte an die Schlafzimmert\u00fcr.<br>\u201eDu schreibst?\u201c<br>\u201eNein, ich habe Daniels Brief gelesen. Einer der Teilnehmer der Malwoche.\u201c<br>\u201eWie viele haben denn zur\u00fcckgeschrieben?\u201c<br>\u201eDrei\u201c, sagte Laura, \u201ezwei davon nur einmal.\u201c<br>\u201eDann hast du jetzt wohl einen Brieffreund.\u201c<br>Er stellte es fest, ohne erkennbares Missfallen. Laura hatte nicht das Gef\u00fchl, sich verteidigen zu m\u00fcssen. Es waren unschuldige Briefe, die sie sich schickten. Erstaunlich war eher, wie schnell sie beide ins Pers\u00f6nliche fanden, wie schnell sie freundschaftlich wurden. Mit Tobias war das erst so gewesen, als sie begonnen hatten, sich zu ber\u00fchren. Nat\u00fcrlich war sie freundschaftlich mit Tobias. Dennoch war die Beziehung manchmal kompliziert. Tobias fand manche Dinge, die ihr Sorgen machten, v\u00f6llig unwichtig. Das waren die Momente, in denen sie sich unverstanden f\u00fchlte.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Tage sp\u00e4ter l\u00e4utete das Telefon. Laura war \u00fcberrascht, als Daniel sich meldete.<br>\u201eIch m\u00f6chte eigentlich nur wissen, wer jetzt mit dem Schreiben dran ist\u201c, sagte er.<br>\u201eIch habe doppelt geschrieben, also bist du dran\u201c, sagte Laura.<br>\u201eEs ehrt mich, dass du es nicht erwarten konntest, mir etwas zu erz\u00e4hlen.\u201c<br>Das war seine Art, etwas mit Augenzwinkern zu sagen, wo der andere dann nicht wusste, ob es ernstgemeint war. Sie schwiegen einen Moment.<br>\u201eDann schreibe ich\u201c, sagte Daniel. \u201eEs k\u00f6nnte aber ein bisschen dauern, weil gerade viel zu tun ist.\u201c<br>Damit war ihr erstes Telefongespr\u00e4ch wieder beendet. Vielleicht waren sie noch nicht reif f\u00fcrs Telefonieren, dachte Laura mit einem Schmunzeln und ohne es ernstzumeinen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-520","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-texte"],"views":1584,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/520","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=520"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/520\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":533,"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/520\/revisions\/533"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=520"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=520"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=520"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}