{"id":522,"date":"2019-02-15T14:53:25","date_gmt":"2019-02-15T13:53:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.julia-andorfer.at\/?p=522"},"modified":"2019-02-15T15:33:37","modified_gmt":"2019-02-15T14:33:37","slug":"freunde-teil-eins","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/?p=522","title":{"rendered":"Freunde, Teil eins"},"content":{"rendered":"\n<p><br><\/p>\n\n\n<p><!--more--><\/p>\n\n\n\n\n<p>1<\/p>\n\n\n\n<p>Laura zog eine der h\u00f6lzernen Schubladen heraus und kramte darin. Irgendwo in einer der Fl\u00fcgelmappen war der Zettel mit den Teilnehmernamen und den Adressen. Sie erwischte sofort die richtige.<br>Als n\u00e4chstes brauchte sie die Postkarten, die waren eine Lade weiter unten, die sah sie durch und w\u00e4hlte aus, Fotos von Landschaften und Gartenmotiven, wie sie sie oft kaufte, wenn sie an den L\u00e4den mit ihren Kartenst\u00e4ndern vorbeikam. Sie w\u00e4hlte zehn Karten aus, nicht die Lieblingsst\u00fccke, obwohl es so viele Bilder dieser Art gab. Manche erinnerten an die Pl\u00e4tze der Sommerwoche.<br>Sie nahm sich ein leeres Blatt Papier und schrieb, hallo (sie machte drei Punkte f\u00fcr den jeweiligen Namen), ich denke oft an die Sommerwoche mit euch zur\u00fcck und schicke einen kleinen Gru\u00df. Wie geht es dir und was macht die Kunst? Laura.<br>Was sonst konnte sie schreiben? Wenn sie antworten wollten, taten sie es, sonst eben nicht. Sie \u00fcbertrug den Text auf jede der Karten und f\u00fcgte in der Anrede die Namen ein, hallo Katrin, hallo Maria, hallo Daniel.<br>Drau\u00dfen redete Tobias am Telefon, sie konnte ihn ged\u00e4mpft h\u00f6ren, w\u00e4hrend sie die Karten wieder in der Lade verstaute. Nat\u00fcrlich durfte Tobias davon wissen, nur gab es da einen kleinen Impuls in ihr, ein Gef\u00fchl der Privatheit, einstweilen jedenfalls. Vielleicht redete er mit Markus, der am vergangenen Abend auch dagewesen war, gemeinsam mit Stefanie. Tobias hatte einmal den Wunsch ge\u00e4u\u00dfert, sie m\u00f6ge sich mehr mit Stefanie anfreunden, weil die gemeinsamen Treffen dann ungezwungener, herzlicher w\u00e4ren. Er suchte nach den Worten.<br>Jetzt klopfte er an die T\u00fcr und steckte den Kopf herein, er wollte ins Caf\u00e9 und dort etwas essen. Damit war das F\u00fcr-sich-Sein zu Ende, Tobias wartete auf sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Weg zum Caf\u00e9 waren sie Arm in Arm gegangen in der Anfangszeit, nachdem sie zusammengezogen waren. Jetzt war er vertraut wie die Wohnung, und sie gingen nebeneinander und plaudernd.<br>Kaum hatten sie sich hingesetzt, gr\u00fc\u00dfte Tobias jemanden. Der andere kam zwischen den vollen Tischen n\u00e4her und reichte Tobias die Hand. Laura mochte auf Anhieb seine Ausstrahlung nicht, es war etwas Aufgesetztes an ihm, ein unpassendes Lachen und Freundschaftlich-Sein, wie eine Haltung, die er nur in Gesellschaft annahm, um des Eindrucks willen.<br>Tobias schien ihn anders zu bewerten, er hielt das Gespr\u00e4ch aufrecht und blieb freundlich und aufmerksam.<br>\u201eEin Bekannter von Paul\u201c, sagte er, als der andere fort war.<br>Die Kellnerin stellte die Sandwiches vor sie hin, und Tobias redete von Sardinien, wo er im Sommer hinwollte. Laura sah ihn an und dachte an ihren Platz im Schlafzimmer, den sie verlassen hatte, und w\u00fcnschte sich, dort zu sein. W\u00e4hrend sie Tobias&#8216; Pl\u00e4nen zuh\u00f6rte, befiel sie eine Melancholie, von der sie nicht wusste, woher sie kam. Vielleicht war es zu fr\u00fch im Jahr, um in Sommerstimmung zu sein, und dieses Gef\u00fchl geh\u00f6rte dem Winter an, der einen ins H\u00e4usliche fl\u00fcchten lie\u00df.<br>Am Abend lagen sie nebeneinander, sein Arm lag tr\u00e4ge \u00fcber ihrem Bauch, ihre H\u00e4nde streichelten seinen Arm. \u201eIch \u00fcberlege mir das mit Sardinien\u201c, sagte sie im Dunkeln, aber er war schon eingeschlafen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie ging zur Arbeit wie gewohnt. Im Pausenraum starrte sie auf ihre Tasche mit den Postkarten, w\u00e4hrend ihre Kollegin hereinkam, eine halbleere Schachtel mit Keksen von der Kochzeile auf den Tisch legte, an Laura vorbeiging und das Fenster schloss. Laura war nicht aufgefallen, dass sie in der kalten Luft zu fr\u00f6steln begonnen hatte. Sie wollte die Postkarten nach der Arbeit wegschicken, und sie stellte sich vor, dass vielleicht niemand antworten w\u00fcrde. In diesem Fall w\u00fcrde sie sich vermutlich noch lange fragen, warum. Und vielleicht hatte diese eine Woche f\u00fcr die anderen nicht die Bedeutung, die sie f\u00fcr Laura im R\u00fcckblick immer mehr bekam.<br>Es erschien ihr ein wenig armselig, auf diese Art neue Menschen kennenlernen zu wollen. Sie musste bed\u00fcrftig wirken wie ein Kind in fremder Umgebung, das um jeden Preis Freunde gewinnen will. Aber sie musste ja nicht, sagte sie sich. Sie wollte sehen, ob es das Bessere, von dem sie eine so deutliche Vorstellung hatte, wirklich gab.<br>Sandra nahm sich Kaffee und setzte sich. Der Pausenraum machte untertags einen schlampigen Eindruck, am Abend kam die Putzfrau, warf den M\u00fcll weg und wischte eilig \u00fcber die Fl\u00e4chen. Auch mit den zwei Pflanzen bekam der Raum nie etwas Heimeliges, und die Vase auf dem roten Tischdeckchen war meistens leer.<br>Sandra fragte nach dem Wochenende, was sie oft tat. Ihre Wochenenden waren gef\u00fcllt mit Familienaktivit\u00e4ten oder Freundinnen, mit denen sie abends ausging. Laura konnte von Wochenenden nicht im Geringsten etwas \u00c4hnliches vorweisen. Sie h\u00e4tte von der Firmenfeier erz\u00e4hlen k\u00f6nnen, aber das war ihr zu langweilig. Also sagte sie, sie habe gemalt.<br>\u201eVerkaufst du die Bilder dann?\u201c<br>Die Frage irritierte Laura. Sie rief in ihr das Gef\u00fchl hervor, sie m\u00fcsse das Malen rechtfertigen, als h\u00e4tte es nur dann einen Sinn, wenn es etwas einbrachte. Die Freude am Malen erschien anderen oft als nicht ausreichend.<br>Aber am Arbeitsplatz wollte sie die angenehme Atmosph\u00e4re mit den Kolleginnen beibehalten, und sie trug dazu bei, indem sie beim lockeren Plaudern blieb und etwas Negatives gar nicht erst aufkommen lie\u00df.<br>So zuckte sie mit den Schultern und sagte, das sei ihr nicht wichtig.<br>\u201eDu kannst die Bilder ja daheim aufh\u00e4ngen\u201c, sagte Sandra, \u201edeinem Freund gefallen sie bestimmt.\u201c<br>Es war wohl ermutigend gemeint, aber Laura st\u00f6rte die Bemerkung, denn was hatte eine Beziehung damit zu tun, ob jemandem Bilder gefielen? Es klang, als mochte der Partner automatisch alles, was man tat.<br>Sie erwiderte nichts mehr, und ihre Pause war zu Ende. Sie ging hinaus zu ihrem Platz, wo sofort jemand zu ihr kam, um einen Stapel B\u00fccher auszuleihen. Die Routine der Arbeit lie\u00df Raum f\u00fcr Gedanken. War sie denn auf Verkaufen aus? Vielleicht war es so am sch\u00f6nsten, das Malen f\u00fcr sich selbst. Brauchte sie die Anerkennung anderer? Manchmal schlich sich eine Fantasie herein, in der sie \u00f6ffentlich ausstellte und viele Menschen kamen, um ihre Bilder zu sehen. Aber eine Fantasie bedeutete nicht unbedingt einen Wunsch f\u00fcr die Wirklichkeit.<br>\u201eDas nehme ich doch nicht\u201c, sagte der Mann auf der anderen Seite des Schalters mit Nachdruck, und Laura verstand, dass er den Satz wiederholt hatte. Sie l\u00e4chelte entschuldigend, legte das Buch beiseite und schaute auf die Wanduhr, bevor sie den n\u00e4chsten Stapel entgegennahm.<\/p>\n\n\n\n<p>Als\nsie sp\u00e4ter vor der B\u00fccherei stand, nahm sie die Postkarten aus der\nTasche. Sie setzte sich damit auf eine Bank im winzigen Park\ngegen\u00fcber, sah sie immer wieder durch, las immer wieder die\nTextzeilen, ohne sich zu etwas entschlie\u00dfen zu k\u00f6nnen. Auf einmal\nwaren ihr all diese Namen fremd. Sogar Briefmarken hatte sie schon\naufgeklebt, so sicher war sie in ihrem Vorhaben gewesen. Etwas\nver\u00e4ndern, dachte sie. Sie warf die Karten in den Briefkasten, an\ndem sie zwei Stra\u00dfen weiter vorbeikam.<\/p>\n\n\n\n<p>2<\/p>\n\n\n\n<p>Laura verlie\u00df das Haus mit der Nummer vierzig mit dem Zeichenblock unter dem Arm und schlug den Weg nachhause ein. Sie musste ein St\u00fcck durch die Innenstadt, vorbei an ein paar L\u00e4den, vorbei am Caf\u00e9 Niedermeier, wo sie Stefanie und Sofia ums Eck biegen und auf sich zugehen sah. Sie blieben stehen. Sie komme vom Malen, sagte Laura. Ob sie mitwolle ins Caf\u00e9, fragte Stefanie, und Sofias Gesicht schien sich zu verschlie\u00dfen. Als sie hinter den beiden ins Lokal ging, skizzierte sie in der Vorstellung Sofias Pferdeschwanz, der bauschig zusammengebunden war.<br>Die meiste Zeit redete Sofia mit Stefanie. Wenn Laura etwas sagte, sah Sofia sie gleichg\u00fcltig an, um dann etwas zu erwidern, das Laura nicht zustimmte. Eine K\u00fchle ging von ihr aus, die Laura in diesem Ma\u00df bisher noch nicht aufgefallen war. Als die Rede auf eine Arbeitskollegin von Sofia kam, die sie eigenartig fand, entschuldigte sich Laura auf die Toilette und stand minutenlang unschl\u00fcssig vor dem Waschbecken. Sie \u00fcberlegte, sich vorzeitig zu verabschieden, und verwarf den Gedanken wieder. Bei ihrer R\u00fcckkehr ging es immer noch um Sofias B\u00fcro, und Laura betrachtete die anderen G\u00e4ste, wie sie redeten und tranken und darin genauso aussahen wie Sofia und Stefanie. Manchmal h\u00f6rte sie einzelne S\u00e4tze oder abgerissene Satzteile, w\u00e4hrend der Gespr\u00e4chssinn im Gewirr der Stimmen unterging. Es war ihr nicht leid um die paar S\u00e4tze, die sie am eigenen Tisch verpasst hatte.<br>Sie wusste, dass Tobias sich freuen w\u00fcrde \u00fcber den Kaffeehausbesuch mit Stefanie, aber sie wollte keine Freude heucheln, schon gar nicht ihm gegen\u00fcber.<br>\u201eGeht so\u201c, sagte sie auf seine Frage hin, wie es war, und ging zum Schreibtisch, ohne die T\u00fcr hinter sich zu schlie\u00dfen, und die ganze Zeit klang die Unwahrheit der Worte wie ein Vorwurf in ihr nach. Sie wollte Tobias sagen, dass Sofia sie lieber nicht dabeigehabt h\u00e4tte, aber vielleicht w\u00fcrde er ihr nicht glauben, und sie w\u00e4re ebenso allein mit ihrer Wahrnehmung wie jetzt.<br>Erst nach dem Abendessen r\u00fcckte sie damit heraus. Seine Reaktion war \u00e4hnlich dazu, wie sie es sich vorgestellt hatte, etwas gleichg\u00fcltiger vielleicht. Er schenkte dem Ausdruck anderer, dem, was nicht ausgesprochen wurde, aber beobachtbar war, nicht dieselbe Aufmerksamkeit wie sie.<br>Laura stand vom Tisch auf, r\u00e4umte ihn gemeinsam mit Tobias ab und das schmutzige Geschirr in den Geschirrsp\u00fcler, klappte das Notebook auf und fand die erste Antwort auf die fortgeschickten Postkarten.<\/p>\n\n\n\n<p>Maria hatte \u201eDanke f\u00fcr die sch\u00f6ne Karte!\u201c in die Betreffzeile ihres Mails geschrieben. Es gehe ihr ausgezeichnet, schrieb sie. Sie sei gerade mit ihrer Familie umgezogen, unterrichte nach wie vor halbtags und finde auch Zeit zum Malen. Sie habe sich sehr \u00fcber die Karte gefreut und erinnere sich noch gern an den Kurs zur\u00fcck.<br>Neben der Freude, dass jemand so schnell reagiert hatte, war Laura auch ein bisschen entt\u00e4uscht \u00fcber die Nachricht. Marias Worte klangen nicht so, als wollte sie einen l\u00e4ngeren pers\u00f6nlichen Austausch. Dennoch \u00fcberlegte Laura, was sie antworten k\u00f6nnte. Die Arbeit in der B\u00fccherei fand sie nicht interessant genug. Wenn sie vom Malen schrieb, gab es vielleicht Ankn\u00fcpfungspunkte f\u00fcr die andere, und es k\u00f6nnte doch ein l\u00e4ngerer Kontakt daraus werden.<br>Zwischen ihr und Maria lagen ohnehin zwei Bundesl\u00e4nder. Eine Teilnehmerin der Malwoche wohnte im selben, zwei weitere im n\u00e4chsten Bundesland, nicht allzu weit entfernt. Seit sie die Karten abgeschickt hatte, wartete sie ein bisschen mehr auf deren Antworten.<br>Sie schrieb Maria von den Stillleben, die sie gemalt hatte, von Birnen und Blumenst\u00f6cken. Sie kratzte zusammen, was sie erz\u00e4hlen konnte, und war nicht zufrieden mit der L\u00e4nge der Antwort. So, dachte sie, w\u00fcrde kein Kontakt zustandekommen. Nat\u00fcrlich wusste sie, dass Beziehungen meistens an der Oberfl\u00e4che begannen und erst mit der Zeit pers\u00f6nlicher wurden. Und Maria war die erste, die geschrieben hatte. Vielleicht, dachte sie optimistisch, schrieben andere mehr. Sie schickte die Antwort weg.<\/p>\n\n\n\n<p>Die n\u00e4chste Antwort kam zwei Tage sp\u00e4ter, ebenfalls per E-Mail. Sabines Text war f\u00fcnfmal so lang wie der von Maria. Laura fing an zu lesen und erfuhr so Einiges \u00fcber Sabines Trennung von ihrem Freund, die vor Kurzem stattgefunden hatte. Sie hatte Sabine als redselig in Erinnerung, nur so pers\u00f6nlich war sie in den damaligen Unterhaltungen nicht geworden.<br>Laura wusste nicht so recht, was sie antworten sollte. Etwas Mitf\u00fchlendes, dazu augenzwinkernde S\u00e4tze wie \u201ewir Frauen haben es nicht leicht mit den M\u00e4nnern\u201c. Nein, daf\u00fcr klang die Schilderung zu ernst. Etwas raten konnte sie ihr auch nicht. Sie hatte das Gef\u00fchl, etwas tun zu m\u00fcssen mit diesem E-Mail. Es schien dazu aufzufordern.<br>Schlie\u00dflich dr\u00fcckte sie ihr Bedauern \u00fcber die Trennung vom ihr unbekannten Freund aus und wusste dann nicht, ob und was sie jetzt noch \u00fcber sich erz\u00e4hlen k\u00f6nnte. Sie schrieb dasselbe, was sie Maria schon geschrieben hatte. Sabine wohnte im n\u00e4chsten Bundesland, und vielleicht war ihre Offenheit ja ein gutes Zeichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann legte Tobias eines Tages einen Brief auf ihren Schreibtisch.<br>\u201ePost f\u00fcr dich\u201c, sagte er und lie\u00df sie allein.<br>Sie \u00f6ffnete den Brief mit der Schere und faltete ihn auseinander.<\/p>\n\n\n\n<p>Hallo\nLaura, las sie.<\/p>\n\n\n\n<p>erst einmal danke f\u00fcr die Karte, gut ausgew\u00e4hlt als Erinnerung an unsere \u201eSommerwoche\u201c, wie du sie nennst. Ich habe in meiner Sammlung gekramt und lege ein paar Nacktbadende von Heckel bei.<br>Ich war \u00fcberrascht \u00fcber die Karte, auch erfreut, und als alter Sozialp\u00e4dagoge habe ich mich gefragt, was m\u00f6chte sie? Hat sie allen geschrieben oder nur den sympathischen M\u00e4nnern?<br>Letzteres w\u00e4re etwas unpraktisch, bin ich doch gerade mit Nina, meiner Freundin, in eine gemeinsame Wohnung gezogen.<br>Deiner Karte entnehme ich die Frage nach meinem k\u00fcnstlerischen Schaffen. Die Kunst macht bei mir nicht viel, wobei meine Ambitionen da ohnehin nicht so gro\u00df sind. Ich habe allerdings etwas im Sinn. Ich nenne es das \u201eBild meines Lebens\u201c, obwohl es noch nicht existiert. Vielleicht kommt die Zeit, zu der ich damit beginnen werde.<br>Jetzt kommt mir der Gedanke, vielleicht hast du allen geschrieben und hattest nur Bestimmte im Sinn, auf deren Antwort du hoffst. Und denkst jetzt, oh nein, nicht er.<br>Vielleicht ist es nicht so und ich h\u00f6re wieder von dir.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Gr\u00fc\u00dfe,<br>Daniel<\/p>\n\n\n\n<p>Sie wollte sich Zeit nehmen f\u00fcr die Antwort. Sie hatte Daniel als ruhig, freundlich und ein wenig ironisch in Erinnerung, eigen vielleicht, introvertiert. Sie las den Brief noch ein paar Mal und f\u00fchlte sich vom Pers\u00f6nlichen darin ber\u00fchrt, als h\u00e4tte da jemand das Gef\u00fchl, sich anvertrauen zu k\u00f6nnen. Oder vielleicht hatte sie dieses Gef\u00fchl und glaubte es in seinen Zeilen zu finden.<br>\u201eIch habe den Leuten der Kunstwoche geschrieben\u201c, sagte sie, als sie Tobias im Wohnzimmer vorfand.<br>\u201eDas hast du gar nicht erz\u00e4hlt\u201c, sagte er.<br>\u201eDrei Antworten sind schon gekommen\u201c, sagte sie. Der Brief von Daniel war sch\u00f6n, aber er wohnte in der fernen Hauptstadt und w\u00fcrde sich wohl kaum w\u00f6chentlich zu einem Austausch zwischen K\u00fcnstlern treffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie\nging am Wochenende mit Tobias spazieren, las ein wenig, sie\nplauderten. Zu Wochenbeginn musste sie in die Arbeit, drei Tage lang.\nAm freien Donnerstag setzte sie sich an den Schreibtisch, um Daniel\nzu antworten.<\/p>\n\n\n\n<p>Hallo\nDaniel,<\/p>\n\n\n\n<p>danke f\u00fcr deinen Brief und die Karte. Ich habe tats\u00e4chlich allen geschrieben, ich habe mich zwar wunderbar unterhalten damals, aber niemanden n\u00e4her kennengelernt, sodass ich eine Wahl treffen k\u00f6nnte. Den Gedanken dazu hatte ich auf der Jubil\u00e4umsfeier der Firma meines Freundes. Ich hatte das Gef\u00fchl, ich geh\u00f6re nicht dazu, bei keinem Anlass vorher habe ich das so deutlich wahrgenommen. Ich war umringt von Menschen und habe mich gleichzeitig allein gef\u00fchlt.<br>Und dann hat sich einer, Paul, \u00fcber mein Malen lustig gemacht. \u201eDu glaubst hoffentlich nicht\u201c, hat er gesagt, \u201edass Leute deine Bilder kaufen. Wenn sich jemand Kunst an die Wand h\u00e4ngen will, dann nimmt er doch professionelle Maler.\u201c<br>Ich wollte ihm sagen, es geht darum, dass man es tut, nicht um zu verkaufen, sondern weil man es aus dem Inneren heraus tun will. Wenn man dann etwas verkaufen kann, ist es sch\u00f6n, wenn nicht, h\u00f6rt man deshalb nicht auf mit dem, was man tun will. Ich wollte ihm das alles sagen, aber es standen mehrere Leute zusammen, und dann sagte jemand anderer etwas und noch jemand, und meine Verteidigung jeder k\u00fcnstlerischen T\u00e4tigkeit blieb ungesagt.<br>Nur Tobias, meinem Freund, habe ich all das gesagt, und jetzt dir. Auf der Feier, als ich mich so unpassend gef\u00fchlt habe, musste ich an die Sommerwoche denken und wie wohl ich mich dort gef\u00fchlt habe, und dann habe ich mir gew\u00fcnscht, daheim zu sein und zu malen, und dann hatte ich den Gedanken, euch zu schreiben, um vielleicht Menschen zu finden, die zu mir passen.<br>Ich hatte noch einen Gedanken auf dieser Feier: Tobias bekommt, was er braucht, er hat ein zu sich passendes Leben. Er hat eine Arbeit, in der er aufsteigen kann, er lebt mit seiner Freundin in einer netten Wohnung, er hat die f\u00fcr sich richtigen Freunde. Ich sehe bei ihm keinen Mangel.<br>Du siehst also, du h\u00f6rst wieder von mir, und deine diesbez\u00fcglichen Bef\u00fcrchtungen waren umsonst. Das \u201eBild meines Lebens\u201c klingt interessant, ich hoffe, ich darf es irgendwann einmal sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele liebe Gr\u00fc\u00dfe,<br>Laura<\/p>\n\n\n\n<p>3<\/p>\n\n\n\n<p>Laura sah die beiden durch die T\u00fcr hereinkommen, bepackt mit ihren Umh\u00e4ngetaschen und Tragetaschen aus Gesch\u00e4ften. Sie war \u00fcberrascht, dass sie in die B\u00fccherei kamen, nachdem sie offensichtlich gemeinsam einkaufen waren. Stefanie begr\u00fc\u00dfte sie strahlend und sagte, sie sehe sich einmal um. Sofia blieb im Eingangsbereich stehen. Erst als Laura sie fragte, ob sie etwas Bestimmtes suche, sagte Sofia: \u201eLyrik vielleicht, aber nicht aus Europa. \u00dcbersetzt, aber von weiter weg.\u201c<br>Laura ging zwischen den Reihen der Regale durch und griff B\u00e4nde heraus, zeitgen\u00f6ssische Autoren aus Chile und Argentinien, die sie erst seit Kurzem hatten. Sie reichte sie Sofia, die darin bl\u00e4tterte und \u201edanke\u201c sagte, ohne aufzusehen.<br>Stefanie lieh sich zwei Romane aus.<br>\u201eEs war meine Idee, hier vorbeizuschauen\u201c, sagte sie. \u201eNormalerweise kaufe ich B\u00fccher, aber wenn ich sie gelesen habe, stehen sie meistens herum. Also warum nicht einmal ausleihen.\u201c<br>Laura l\u00e4chelte h\u00f6flich und stellte erst Stefanie, dann Sofia einen B\u00fcchereiausweis aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Freitag rief Stefanie sie an. Sie fahre jetzt los, um eine Vitrine zu kaufen, ob Laura nicht mitwolle. Auch wenn sie vermutlich Sofia gefragt h\u00e4tte, wenn diese nicht arbeiten m\u00fcsste, freute es Laura, zu einer Unternehmung zu zweit eingeladen zu werden. Sie hatte sich noch nie mit Stefanie allein getroffen, und nur Gespr\u00e4che zu zweit konnten wirklich pers\u00f6nlich werden. Sie wusste das noch gut von Hedi, die jetzt in Australien mit ihrem Mann ein Restaurant betrieb und vermutlich keine Zeit mehr hatte, an die alte Heimat und die alten Freunde zu denken.<br>Das M\u00f6belhaus, in dem sie anfingen, war belebt um diese Zeit. Stefanie redete davon, wie die Vitrine aussehen und wo sie ihren Platz haben sollte, anstelle des alten Regals, das Markus aus Studientagen mitgebracht hatte und dessen Anblick sie jetzt nicht mehr ertragen wolle. Sie lachte. Sie begutachtete die angebotenen St\u00fccke und entschied schnell, dass sie nicht waren, was sie wollte. Sie nannte das M\u00f6belhaus, das ihr als n\u00e4chstes vorschwebte. Laura ging neben Stefanie her, vorbei an Bettsofas, Schreibtischen, Sitzgruppen, h\u00f6rte zu und \u00fcberlegte zwischendurch, ob die Wohnung ein Zubeh\u00f6r brauchte, aber es fiel ihr nichts ein. Im dritten Gesch\u00e4ft wurde Stefanie f\u00fcndig und vereinbarte einen Termin f\u00fcr die Lieferung.<br>Sie brachte sie mit dem Auto nachhause. Bevor Laura ausstieg, \u00fcberreichte Stefanie ihr ein Kuvert und sagte: \u201eeine Einladung f\u00fcr euch\u201c. Laura zog ein gefaltetes Papier aus dem Umschlag und las das Datum der Einladung \u201ezu einem chinesischen Essen\u201c.<br>\u201eNur sechs Leute\u201c, sagte Stefanie. \u201eWir vier und Sofia mit Paul.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nn\u00e4chste Antwort von Daniel kam am Tag der Einladung bei Stefanie und\nMarkus. Er hatte wieder einen Brief geschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Hallo\nLaura,<\/p>\n\n\n\n<p>so war das also mit deiner Idee, den Teilnehmern von damals zu schreiben. Ich kann es mir ungef\u00e4hr vorstellen, wie du dich auf dem Fest gef\u00fchlt hast, obwohl ich selber praktisch nie auf gr\u00f6\u00dferen Feiern bin, au\u00dfer auf der Weihnachtsfeier der Einrichtung, in der ich arbeite, aber die ist doch sehr viel beschaulicher als euer Jubil\u00e4um es vermutlich war.<br>Hat denn sonst noch jemand geantwortet? Ich habe Katrin einmal in einem Lokal hier getroffen, da haben wir kurz geplaudert, was aufgrund des L\u00e4rmpegels nicht einfach war. Normalerweise gehe ich dort gar nicht hin, aber es war an dem Abend ein Klassentreffen, und einige wollten nach dem Essen noch woanders hin, und ich, gutm\u00fctig und sozial, bin mitgegangen.<br>\u00dcbrigens habe ich bewusst wieder einen Brief geschrieben und kein E-Mail. Briefe bleiben, wenn man sie nicht wegwirft, Mails l\u00f6scht man viel eher, wenn der Speicherplatz \u00fcberzuquellen droht. Briefe kann ich in einer Schachtel aufbewahren und von dort hervorkramen. Ich mag Briefe.<br>Dass ich das \u201eBild meines Lebens\u201c gleich erw\u00e4hnt habe, macht mir jetzt ein leichtes Unbehagen, weil es wirklich nicht mehr als eine Idee ist und weit davon entfernt, begonnen zu werden. Vergiss das am besten wieder.<br>Einen richtigen Mangel an Freunden empfinde ich, wenn ich so hinsp\u00fcre, nicht, obwohl ich nicht viele Freunde habe. Genaugenommen nur einen wirklich guten, und Nina, die meine Freundin und mein bester Freund ist. Gegen eine Brieffreundschaft habe ich trotzdem nichts einzuwenden. Gegen ein Treffen \u00fcbrigens auch nicht, auch wenn daf\u00fcr eine gewisse Distanz \u00fcberwunden werden muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Gr\u00fc\u00dfe,<br>Daniel<\/p>\n\n\n\n<p>Sie las den Brief gleich ein zweites Mal und w\u00fcnschte sich, Daniel w\u00fcrde mitkommen am Abend zu Markus und Stefanie, vielleicht auch mit Nina, die sie nicht kannte. Es w\u00e4ren ihre Freunde und nicht die von Tobias, von denen eine zumindest sie nicht mochte, es w\u00e4re eine Art emotionaler Schutz gegen\u00fcber Leuten, die nichts mit ihr anzufangen wussten und bel\u00e4chelten, was sie tat. Stefanie war nett zu ihr, aber gemeinsam hatten sie nicht viel. Stefanie genoss, so wirkte es, dieses Gesellschaftsleben, ohne es oberfl\u00e4chlich zu finden.<br>Sie legte den Brief zusammengefaltet in die oberste Schublade. Sie w\u00fcrde ihn erst nach der Einladung beantworten, dann gab es etwas zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-522","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-texte"],"views":2159,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/522","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=522"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/522\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":530,"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/522\/revisions\/530"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=522"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=522"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.julia-andorfer.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=522"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}